Depression — Gefangen im Gefühl
Die Leute erzählen mir: Hey, du musst nur mal durchatmen, dich ablenken, dann vergeht es, die Traurigkeit, diese Unsicherheit, die Frustration. Denk doch einfach an etwas anderes, sagen sie.
Reagiere doch nicht so sensibel.
Das geht nicht einfach. Seit Tagen hänge ich eingeengt in einer Schwere. Eine Traurigkeit wühlt sich in mir, formt sich zu einer Sehnsucht aus der Kindheit, zu einem Schmerz ohne einen Schrei.
Diese Gefühle sind so präsent wie das Regal im Flur – fest, unverrückbar, Teil der Landschaft. Sie beschweren mich, drücken mich in den Sessel, in die Matratze bis zum Federkern. Sie sind so stark, dass sie meinen Hunger ausschalten, die letzte kleine positive Stimmung, etwas zu unternehmen.
Ich lege mich aufs Bett, kreisende Gedanken, als wären meine Gefühle eingefroren, und sie wollen nicht gehen. Erst am nächsten Morgen stehe ich wieder auf.
Ja, eine Nachricht über Messenger kommt, ich antworte – und dann: Stille. Oder es kam nur ein kurzes Ja, Smile, Nein. Keine Antwort mehr. Und sofort, im Bruchteil einer Sekunde, bin ich überzeugt: Ich werde abgelehnt. Was habe ich missverstanden, gemacht?
Sofort fühle ich mich beengt, es drückt auf mir, der Brustkorb wird zusammengezogen. Unruhe breitet sich aus. Ich möchte weinen, aber ich kann es nicht zulassen.
Ja, ich versuche, Distanz zu meinen Gefühlen einzunehmen, den Beobachter. Ich sage in mir: Hey, schau, das ist Traurigkeit, da ist eine Unsicherheit, dies ist Angst, da ist Sehnsucht.
Dann begrüßt mich ein, mein Lächeln, und doch, ich breche wieder ein. Ich wandele zu: Wie kann ich diese zerdrückende Energie aushalten? Sofort kommt wieder der Gedanke: Hey, nimm den Beobachter ein. Da ist Traurigkeit, da ist Scham und doch, und schon bin ich wieder mittendrin in diesen Gefühlen. Nicht nur eins, sondern zwei, drei parallel. Jedes hat einen eigenen Raum, und doch sitzen sie alle bei mir im Wohnzimmer.
Jedes will gesehen werden. Ich bin nicht nur meine Gefühle, doch sie umringen mich innerlich.
Werde ich jetzt all meine Kontakte brechen, damit ich endlich Ruhe erleben kann?
Ich schaue aus dem Fenster, die Träne würde wirklich weinen wollen, doch sie darf es nicht.
Leute aus dem Kreis AD(H)S erzählen mir von emotionaler Dysregulation. Bei kleinsten Dingen springen sie an.
Gefühle, sie können mich bei einem kritischen Wort von dir, einer abwehrenden Geste, überfallen, intensiv in mir wachsen. Für dich war es nur eine Information, rein sachlich, und du hast längst das Thema abgehakt, vorbei.
Ich bin gefangen genommen worden von ihnen, hänge fest. Manchmal nur ausgelöst durch einen Kommentar oder du reagierst mal nicht.
Gedanken wickeln sich um die Frage, jagen zum Grübeln: Warum bin ich so intensiv? Warum kann ich nicht einfach loslassen?
Ich schließe die Fenster, lege mich wieder aufs Bett und suche mich als Beobachter: Da sind nur Gefühle, nicht mehr und nicht weniger.
Ein wenig angespannte Ruhe breitet sich aus. Ein vorübergehender Frieden. Ich lernte, dass Depression ein naher Begleiter von AD(H)S ist.
