Mann mit Brille und Bart

Depression — Zu einfach, wie überlebe ich heute

Eine Depres­sion ist sim­pel. Du liegst im Bett, in deinem inneren Motor, deinem Antrieb, ist das Schmieröl fest­ge­laufen. Nichts kann sich bewe­gen. Dein Sys­tem ist fest­ge­fahren.

Dabei ist es egal, ob du dein Sys­tem über­hitzt hast, sodass das Öl seine Struk­tur änderte zu einem zähen Gel. Oder eine Über­forderung dich aushe­belte, das Öl sich über Dich­tun­gen ver­lor, weil akut die Ver­hält­nisse in deinem Sys­tem ver­schoben waren.

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Mann steht unter einem Baum.

Depression und wenn der Schlaf sie ausspielt

Ich atme tief, atme, und Unruhe wirbelt sich durch den Bauch. Sie plant, mich wachzuhal­ten für den Tag. Eine Nacht ohne Schlaf.

Diese Nacht habe ich über­lebt, war eingeschlafen, und zehn Minuten später wirbel­ten sich wieder Gedanken und Bilder durch den Kopf und ein­fach Leere in Wach­heit. Der Schlaf ver­steckt sich im Schein­wer­fer­licht der Straßen­leuchte, kommt und wird und wird gebrochen.

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Charlott – Dienstag, der 18. März

Char­lott – Dien­stag, der 18. März

Die Erschöp­fung liegt wie Blei in meinen Knochen. Ich wache auf und denke zuerst an die Maschi­nen, an das Pfeifen, das Absaugen in der Nacht – oder an das, was ich mir ein­bilde, wenn ich hier im weißen Zim­mer liege. In der Reha nen­nen sie es Sta­bil­isierung, Abstand gewin­nen und wieder Sta­bil­isierung. Für mich ist es nur Leere. Leere. Ein Vaku­um, das mich erstick­en will.

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster. @KI

Charlott — Sonntag, der 16. März

Erschöp­fung. Schuld. Sehn­sucht.

Das sind wohl die drei, die heute am lautesten schreien. Wenn ich ihnen Gesichter geben müsste:
Erschöp­fung sitzt auf mein­er Brust, fett und schw­er, riecht nach kaltem Klinikessen und abge­s­tanden­em Rauch. Schuld ste­ht in der Ecke, lehnt läs­sig an der Wand und grinst, weil sie weiß, dass sie immer gewin­nt. Sehn­sucht sitzt am Fen­ster­brett, guckt raus in die Dunkel­heit und wartet auf ein Geräusch, das nicht kommt – Fritz’ Atmen, dieses ras­sel­nde, wack­lige.

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MasSophie geht am Wasser entlang. @KI

Depression, nicht lösbar allein mit umgestellter Denkweise

Bist du ver­schreckt, weil ich hier über Depres­sion schreibe, nicht klas­sisch, ohne Lösungsweg? Vielle­icht nähere ich mich dabei der Ursache, mein­er. Der Text kommt ein­fach aus dem Nichts und ich möchte dir nichts erzählen, was wie ein Ratschlag oder wie Tipps wirkt. 

Ratschläge erschla­gen einen ras­ant, wirken frei von Empathie, sind häu­fig ein Stilmit­tel, dein Erleben auf eine nachvol­lziehbare Logik zu verkürzen, und geben dir die Schuld, wenn es nicht klappt und du weit­er­hin scheit­erst. 

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster.

Charlott — Freitag, der 14. März

Der Psy­chodoc hat heute wieder das ver­traute Muster durchge­zo­gen: Er hat mir das Wort „Gefühl“ in die Hände gedrückt, als würde er damit einen Schlüs­sel zu ein­er Tür anbi­eten, die ich seit Monat­en ver­schlossen halte. Er kreiste um das The­ma Fritz – den kleinen, tra­cheotomierten Geist, der still in der Klinik liegt, dessen Atemzüge wie das Tick­en ein­er Uhr sind, die nie aufhört zu mah­nen.

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Charlott sitzt auf Treppenstufen.

Charlott, Donnerstag — 13. März


Der Regen pras­selt auf das vergilbte Dachfen­ster am Neben­haus, schlägt an mein Fen­ster wie das ständi­ge Piepen des Beat­mungs­geräts von Fritz. Ich sehe die Tropfen wie kleine, kalte Mess­er auf das Holz des Fen­ster­rah­mens – sie schnei­den in die Stille, die ich mir seit Wochen zusam­menge­bis­sen habe. In mir dreht sich das Rad mein­er Gedanken: Schuld, Wut, Verzwei­flung. Ich greife nach der Schreib­mas­chine Eri­ka, das kalte Met­all an meinen Fin­gern, und weiß: Wenn ich hier tippe, gibt es kein Zurück mehr.

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Einsamkeit in einem dunklen Raum.

Charlott, Mittwoch — 12. März

// aus dem Notizbuch von Charlott

Fritz ist heute im Roll­stuhl von der Klinik zurück­gekehrt, der Atemgeruch von Chemie und Medika­menten liegt noch in der Luft. Sein klein­er Kopf liegt in der Nähe mein­er Stirn, und ich spüre, wie die Kälte der Pflege­in­fra­struk­tur sog­ar in mein Herz ein­dringt. Ein leis­er Atemzug des Beat­mungs­gerätes hebt seinen Brustko­rb und erin­nert mich daran, wie leicht alles zer­fall­en kön­nte.

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Junge Frau sitzt auf dem Boden.

Charlott, Mittwoch — 10. Juni

Zu Hause. Ich saß auf dem Boden, den Rück­en gegen die Spüle gelehnt, und zählte die Kacheln zwis­chen meinen Füßen. Sieben. Immer sieben. Als ob das eine Antwort wäre. Als ob Zahlen mich ret­ten kön­nten. Die Kaf­fee­tasse neben mir ist kalt, der Kaf­fee darin schwarz wie die Nacht, in der ich nicht schlafen kon­nte. Wieder nicht. Ich sollte aufräu­men. Ich sollte Fritz’ Medika­mente sortieren. Ich sollte Wern­er anrufen und vorgeben, als wäre ich nicht nur ein Hohlraum, der seine Stimme ver­schluckt. Aber stattdessen star­rte ich auf das Handy in mein­er Hand. Eine Nachricht. Von ihr.

„Char­lott, ich brauche dich. Heute. Bitte.“

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Frau sitzt traurig auf Treppe.

Charlott, Dienstag — 9. Juni

Ich liege wach, die Decke riecht noch nach Desin­fek­tion und abge­s­tanden­em Tee. Durch die Lamelle fällt ein schar­fes Band Neon­licht, das den Staub in der Luft wie kleine Knochen glitzern lässt. Mein Herz macht kleine, panis­che Geräusche, als hätte es sel­ber einen mech­a­nis­chen Schrittmach­er nötig. Die Frage fällt in mich wie kaltes Wass­er: Hätte ich von mir aus die Ehe erfun­den? Die Worte schmeck­en met­allisch, als hätte ich sie an einem Instru­ment abgeschlif­f­en.

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