Depression, die deine Tränen im Stausee verliert
Nichts da, es geht mir gut. Ich lächle und doch, der Psychodoc gegenüber, er zweifelt. Er will keine Zahlen von eins bis zehn. Zehn wäre das Optimum, leidfrei von zerdrückenden Gefühlen, von der Leere, ohne Energie zu sein, frei vom Weinen ohne Tränen.
Es ist kein Weinen, wie es ein jeder lebt, erlebt in Traurigkeit, eines, wenn die Liebste oder der Liebste einen verlässt, ein Weinen, wenn die Bedürfnisse von der Partnerin ungesehen bleiben, wiederholt und wiederholt, was schmerzt.
Ein Weinen, wenn die Erwartungen sich verabschieden müssen. Erwartungen, die sich mit Enttäuschung umhüllen und erstickt werden.
Ein Weinen, das einen reinigt, emotionale Klarheit schaffen kann und eine lebendige Trauer aufzeigt, eine, es geht weiter zu einem neuen Wohlsein. Abschiede, wo sich eine neue Tür öffnet.
Mein Weinen ist ohne Tränen, es geht keine Tür auf, es ist ein wachsender Staudamm in den Augen, der nur eine dunkle, leere Trauer mit kaltem, schwerem Wasser füllt. Eine kalte Trauer, die mir sagt, ich bin fremd in mir.
Der Psychodoc will keine Zahlen. Er will nicht, dass ich rationalisiere, dass ich der sozialen Erwünschtheit folge, also sage, was Ärzte sich wünschen: Ihre angedachte Therapie – sie wirkt.
Antworte ich wirklich nach den Erwartungen der anderen? Antworte ich für mich? Wirkt das Medikament oder lebe ich den Placebo-Effekt, übermale ich mit meinen Bildern im Kopf meine Depression.
Ich weiß, mein soziales Lächeln ist begrenzt. Ich kann schwer lügen über meine Emotionen, über meine Gefühle, meine Gefühllosigkeit. Ich trage immer einen Schatten in meiner Gestik, in meiner Mimik, der meine Gefühlswelt enttarnt. Zumindest gegenüber den Menschen, die mir nah sind.
Ein Schatten, der auch enttarnt, wenn ich nichts fühle, wenn ich verlangsamt bin, jede Antwort sich im Gleichklang ohne Leichtigkeit formt. Meine Antworten, meine Reaktionen sind gestaut, werden zerdrückt, das Gehirn benötigt länger, auf die, meine Welt zu reagieren.
Bin ich meinen Gefühlen nah? Bin ich nicht. Die Depression ist eine Entfremdung. Ich muss mir fremd sein und ich muss mir fremd werden, denn anders halte ich dieses schwere Wasser, womit jede Bewegung sich ins Nichts auflöst und mich lähmt, alles Interessante meiner Welt in einen Nebel über den Stausee wirft. Die Schönheit im Sein, Gefühle wie Freude, Lust oder Bedürfnisse der Zugehörigkeit ausblendet. Ein Malen nach Zahlen, doch hat sich über das Papier, über jedes Feld, ein Schwarz gelegt.
Gedanken, die mein Leben bedrohen – wie soll ich sie verstehen, wie soll ich verhindern, dass sie mein Leben bedrohen? Ich spalte sie ab, ich versuche sie als „Etwas“ zu greifen, begreifen, was einfach da ist, ich aber nicht bin.
Was mache ich, wenn sie mir klar machen, sie bilden die Idee meiner Bedürfnisse ab? Sie sind ich.
Das frisst, raubt meine restliche Energie, so bleibe ich morgens im Bett liegen, frierend, gelähmt. Es gibt kein „Was soll’s”, starte doch einfach in den Tag.
Es gibt nur ein Weinen ohne Tränen, ohne Katharsis, eben keine emotionale Entlastung. Die Last bleibt, drückt auf die Brust und wächst mit jedem Eindruck, ich kann dem nicht entfliehen.
