Mann mit Brille und Bart

Depression — Zu einfach, wie überlebe ich heute

Eine Depres­sion ist sim­pel. Du liegst im Bett, in deinem inneren Motor, deinem Antrieb, ist das Schmieröl fest­ge­laufen. Nichts kann sich bewe­gen. Dein Sys­tem ist fest­ge­fahren.

Dabei ist es egal, ob du dein Sys­tem über­hitzt hast, sodass das Öl seine Struk­tur änderte zu einem zähen Gel. Oder eine Über­forderung dich aushe­belte, das Öl sich über Dich­tun­gen ver­lor, weil akut die Ver­hält­nisse in deinem Sys­tem ver­schoben waren.

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Mann steht unter einem Baum.

Depression und wenn der Schlaf sie ausspielt

Ich atme tief, atme, und Unruhe wirbelt sich durch den Bauch. Sie plant, mich wachzuhal­ten für den Tag. Eine Nacht ohne Schlaf.

Diese Nacht habe ich über­lebt, war eingeschlafen, und zehn Minuten später wirbel­ten sich wieder Gedanken und Bilder durch den Kopf und ein­fach Leere in Wach­heit. Der Schlaf ver­steckt sich im Schein­wer­fer­licht der Straßen­leuchte, kommt und wird und wird gebrochen.

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Mann in einer Stadt mit wärmender Sonne

Depression schützt leise vor der Wucht

Wenn die Depres­sion, wie heute, mich trägt, mich wieder ein­klei­det in einen Man­tel, einen Wahn. Ich weiß, Anti­de­pres­si­va arbeit­en auch gut gegen Zwangsstörun­gen. Warum? Eine, mein Ver­ste­hen, Laienidee: Die Gedanken­welt, die Gefühlswelt steckt nicht „ein­fach“ fest, wühlt sich nicht „ein­fach“ tiefer mit „neuen“ Gedanken, Emo­tio­nen, oder arbeit­et sich in das „Gut“. Son­dern sie wieder­holt end­los die Trau­rigkeit, eine Schwere im Bauch, die meine Gefüh­le zusam­men­drückt zu Blei, dessen Schwere sich in den Gliedern ver­ankert. 

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Nachdenklicher Mann in warmem Licht.

Die Depression und wie ich falle in die Tiefe?

Die Depres­sion ist eine eigene Sto­ry, die nur mir gehört. Klar, du kannst dir gerne „was abschauen“, vielle­icht um dieses Phänomen bess­er zu ver­ste­hen, zu umreißen, sie auf eine Land­karte zu zeich­nen.

Sie, die Depres­sion, ist kein star­res Kon­strukt, dies musst du wis­sen. Sie ist lebendig auf ihre Art, ihrer Dunkel­heit. Sie beschw­ert die Erschöp­fung mit Blei, dass du nicht mehr hochkommst. Sie lebt, wenn du nicht wagst, es nicht schaffst, aufzuste­hen. Du kannst nicht auf­ste­hen, denn das Blei drückt sich auf dir, vielle­icht mit Trä­nen, vielle­icht mit Gereiztheit.

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster. @KI

Charlott — Sonntag, der 16. März

Erschöp­fung. Schuld. Sehn­sucht.

Das sind wohl die drei, die heute am lautesten schreien. Wenn ich ihnen Gesichter geben müsste:
Erschöp­fung sitzt auf mein­er Brust, fett und schw­er, riecht nach kaltem Klinikessen und abge­s­tanden­em Rauch. Schuld ste­ht in der Ecke, lehnt läs­sig an der Wand und grinst, weil sie weiß, dass sie immer gewin­nt. Sehn­sucht sitzt am Fen­ster­brett, guckt raus in die Dunkel­heit und wartet auf ein Geräusch, das nicht kommt – Fritz’ Atmen, dieses ras­sel­nde, wack­lige.

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drei Bilder, in der Mitte ein Mann, am Rande eines Sees.

Depression, die deine Tränen im Stausee verliert

Nichts da, es geht mir gut. Ich läch­le und doch, der Psy­chodoc gegenüber, er zweifelt. Er will keine Zahlen von eins bis zehn. Zehn wäre das Opti­mum, lei­d­frei von zer­drück­enden Gefühlen, von der Leere, ohne Energie zu sein, frei vom Weinen ohne Trä­nen.

Es ist kein Weinen, wie es ein jed­er lebt, erlebt in Trau­rigkeit, eines, wenn die Lieb­ste oder der Lieb­ste einen ver­lässt, ein Weinen, wenn die Bedürfnisse von der Part­ner­in unge­se­hen bleiben, wieder­holt und wieder­holt, was schmerzt.

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Nachdenklicher Mann in einem Café.

Wie die Depression weiter gräbt

Druck, Druck und wieder Druck. Ratschläge, was hil­ft: fünf Tipps, Tools, die gegen eine Depres­sion helfen. Ich kann kaum atmen, drücke das Play auf Pause. Pause auf Youtube, auf Insta­gram.

Licht ab 2500 Lux direkt vors Face oder ein Spazier­gang mor­gens, dann ein­fach expres­sives Schreiben, die Gedanken umdenken, gedankliche Muster brechen und wieder tief dur­chat­men. Sozial aktiv sein, einen geregel­ten Tages­rhyth­mus.

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Charlott sitzt auf Treppenstufen.

Charlott, Donnerstag — 13. März


Der Regen pras­selt auf das vergilbte Dachfen­ster am Neben­haus, schlägt an mein Fen­ster wie das ständi­ge Piepen des Beat­mungs­geräts von Fritz. Ich sehe die Tropfen wie kleine, kalte Mess­er auf das Holz des Fen­ster­rah­mens – sie schnei­den in die Stille, die ich mir seit Wochen zusam­menge­bis­sen habe. In mir dreht sich das Rad mein­er Gedanken: Schuld, Wut, Verzwei­flung. Ich greife nach der Schreib­mas­chine Eri­ka, das kalte Met­all an meinen Fin­gern, und weiß: Wenn ich hier tippe, gibt es kein Zurück mehr.

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Junge Frau sitzt auf dem Boden.

Charlott, Mittwoch — 10. Juni

Zu Hause. Ich saß auf dem Boden, den Rück­en gegen die Spüle gelehnt, und zählte die Kacheln zwis­chen meinen Füßen. Sieben. Immer sieben. Als ob das eine Antwort wäre. Als ob Zahlen mich ret­ten kön­nten. Die Kaf­fee­tasse neben mir ist kalt, der Kaf­fee darin schwarz wie die Nacht, in der ich nicht schlafen kon­nte. Wieder nicht. Ich sollte aufräu­men. Ich sollte Fritz’ Medika­mente sortieren. Ich sollte Wern­er anrufen und vorgeben, als wäre ich nicht nur ein Hohlraum, der seine Stimme ver­schluckt. Aber stattdessen star­rte ich auf das Handy in mein­er Hand. Eine Nachricht. Von ihr.

„Char­lott, ich brauche dich. Heute. Bitte.“

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Frau sitzt traurig auf Treppe.

Charlott, Dienstag — 9. Juni

Ich liege wach, die Decke riecht noch nach Desin­fek­tion und abge­s­tanden­em Tee. Durch die Lamelle fällt ein schar­fes Band Neon­licht, das den Staub in der Luft wie kleine Knochen glitzern lässt. Mein Herz macht kleine, panis­che Geräusche, als hätte es sel­ber einen mech­a­nis­chen Schrittmach­er nötig. Die Frage fällt in mich wie kaltes Wass­er: Hätte ich von mir aus die Ehe erfun­den? Die Worte schmeck­en met­allisch, als hätte ich sie an einem Instru­ment abgeschlif­f­en.

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