Mann sitzt in einer Wäscherei.

Depression und die Angst vor dem Aufstieg

„Geht es dir gut? Du lächelst so, als seiest du aus einem Tal entkom­men.“ Fragt sie mich. Ihre Augen sind unruhig, als müssten sie in mir eine Bestä­ti­gung find­en.
Ich kann ihr die Antwort nicht geben. Ohne mein Leid bin ich nackt vor ihr. Dann würde sie mich ein­klei­den: So, wie sie mich sehen will, so, wie ich sein soll. Und ich fürchte, mit meinem Aufricht­en ver­löre ich ihren Halt.

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Mann sitzt unter modernem Bauwerk.

Depression — sie frisst deine Verletzlichkeit

Stim­men aus dem Netz, YouTube & Co. meinen, die Depres­sion sei reak­tiv, also eine Reak­tion, weil du ver­let­zt wor­den bist. Nicht ein­mal, mehrmals, dass es dich wieder­holt beschämt hat, kon­tinuier­lich dein Selb­st­wert ver­nichtet, mit und ohne Worte.

Ja und Nein. Häu­fig ist eine Depres­sion eine kom­plexe Wech­sel­wirkung von Neu­ro­bi­olo­gie, Psy­che und Lebensereignis­sen.

Nicht nur eine einzelne Reak­tion.

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Mann auf einen Platz

Depression – gebrochen in einer Kuppel aus Stein

Let­ztens kam ein Hauch, ein Lebens­ge­fühl, vor­bei, wie es war vor der Depres­sion. Ein Gefühl, das sich bindet, mit Leichtigkeit und Zuver­sicht.

Let­ztens erwis­chte mich dies und erin­nerte mich an ein Leben mit Zufrieden­heit, gewärmt von der Sonne, den Tag, meine Auf­gaben zu erfüllen.

Ich weiß, diese Erin­nerun­gen sind trügerisch, sie kön­nen nicht datiert wer­den. Unser Gehirn baut Sto­rys, nimmt aus der Erin­nerung her­aus gebroch­ene Ele­mente, die nichts miteinan­der zu schaf­fen hat­ten. Damals.

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Mann mit Brille und Bart

Depression — Zu einfach, wie überlebe ich heute

Eine Depres­sion ist sim­pel. Du liegst im Bett, in deinem inneren Motor, deinem Antrieb, ist das Schmieröl fest­ge­laufen. Nichts kann sich bewe­gen. Dein Sys­tem ist fest­ge­fahren.

Dabei ist es egal, ob du dein Sys­tem über­hitzt hast, sodass das Öl seine Struk­tur änderte zu einem zähen Gel. Oder eine Über­forderung dich aushe­belte, das Öl sich über Dich­tun­gen ver­lor, weil akut die Ver­hält­nisse in deinem Sys­tem ver­schoben waren.

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Charlott – Dienstag, der 18. März

Char­lott – Dien­stag, der 18. März

Die Erschöp­fung liegt wie Blei in meinen Knochen. Ich wache auf und denke zuerst an die Maschi­nen, an das Pfeifen, das Absaugen in der Nacht – oder an das, was ich mir ein­bilde, wenn ich hier im weißen Zim­mer liege. In der Reha nen­nen sie es Sta­bil­isierung, Abstand gewin­nen und wieder Sta­bil­isierung. Für mich ist es nur Leere. Leere. Ein Vaku­um, das mich erstick­en will.

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Frau in schwarzer Jacke und Pullover.

Charlott – Montag, der 17. März

Die Müdigkeit hängt an mir wie nass­es Leinen­zeug. Die Knochen sind schw­er, das Hirn ein Wat­tek­lumpen, und trotz­dem dreht mein Kopf, als wär er ein klein­er Radiomo­tor, der immer nur das­selbe Lied spielt. Ich liege im Bett dieser Klinik, dem Eiland, und höre den Flur atmen; jede Tür, die aufge­ht, ist eine Erin­nerung daran, dass ich nicht dort bin, wo ich hinge­höre. Fritz liegt an einem anderen Ort – in frem­den Hän­den, unter Schläuchen, mit der Kanüle, die seinen Brustko­rb zum Atmen zwingt. Dieses Bild lässt mich nicht schlafen.

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Mann liest Buch bei Sonnenuntergang.

Depression – Eine Achtsamkeit ertrinkt im Morast

Ich kenne die Sto­rys, die Geschicht­en. Ich las sie, schaute sie im TV, auf YouTube, auf Insta­gram. Mit Acht­samkeit käme ich aus der Depres­sion. 

Acht­samkeit sei der, ein Weg gegen die Depres­sion, der Weg der Heilung von der Depres­sion. 

Ver­giss es, ganz klar, ver­giss es, es sei denn, du bist mit deiner:m Therapeut:in dran, dich dem The­ma zu näh­ern. 

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster. @KI

Charlott — Sonntag, der 16. März

Erschöp­fung. Schuld. Sehn­sucht.

Das sind wohl die drei, die heute am lautesten schreien. Wenn ich ihnen Gesichter geben müsste:
Erschöp­fung sitzt auf mein­er Brust, fett und schw­er, riecht nach kaltem Klinikessen und abge­s­tanden­em Rauch. Schuld ste­ht in der Ecke, lehnt läs­sig an der Wand und grinst, weil sie weiß, dass sie immer gewin­nt. Sehn­sucht sitzt am Fen­ster­brett, guckt raus in die Dunkel­heit und wartet auf ein Geräusch, das nicht kommt – Fritz’ Atmen, dieses ras­sel­nde, wack­lige.

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drei Bilder, in der Mitte ein Mann, am Rande eines Sees.

Depression, die deine Tränen im Stausee verliert

Nichts da, es geht mir gut. Ich läch­le und doch, der Psy­chodoc gegenüber, er zweifelt. Er will keine Zahlen von eins bis zehn. Zehn wäre das Opti­mum, lei­d­frei von zer­drück­enden Gefühlen, von der Leere, ohne Energie zu sein, frei vom Weinen ohne Trä­nen.

Es ist kein Weinen, wie es ein jed­er lebt, erlebt in Trau­rigkeit, eines, wenn die Lieb­ste oder der Lieb­ste einen ver­lässt, ein Weinen, wenn die Bedürfnisse von der Part­ner­in unge­se­hen bleiben, wieder­holt und wieder­holt, was schmerzt.

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Mann arbeitet am Laptop, Schatteneffekt.

Depression – den fehlenden Antrieb nutzen

Wenn ich nicht mehr schreibe, nicht mehr schreiben kann, dann siegt die Depres­sion über mich. What the fuck, ich rede über die Depres­sion, als sei sie ein Fremd­kör­p­er.

Ich dachte, so hörte ich einen Coach-Guru, die Depres­sion sei mit mir und man kön­nte den fehlen­den Antrieb nutzen. Den fehlen­den Antrieb nutzen, so war let­ztens ein Titel auf Youtube, doch ich ließ das Video unge­spielt. So kann nur ein­er reden, der noch nie in dieser Gren­z­er­fahrung war, der noch nie gefan­gen war in einem Absturz, ein­er Trauer ohne Trau­rigkeit, in ein­er Tiefe, die einen zer­drückt.

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