Mann steht unter einem Baum.
Mann steht unter einem Baum.

Depression und wenn der Schlaf sie ausspielt

Ich atme tief, atme, und Unruhe wirbelt sich durch den Bauch. Sie plant, mich wachzuhal­ten für den Tag. Eine Nacht ohne Schlaf.

Diese Nacht habe ich über­lebt, war eingeschlafen, und zehn Minuten später wirbel­ten sich wieder Gedanken und Bilder durch den Kopf und ein­fach Leere in Wach­heit. Der Schlaf ver­steckt sich im Schein­wer­fer­licht der Straßen­leuchte, kommt und wird und wird gebrochen.

Früh war ich wie immer noch wach. Doch am späten Vor­mit­tag über­ren­nt mich die Müdigkeit. Diese, die ich für die Nacht gebraucht habe, für die Näch­ste.

Meine Ärztin, mein Psy­chodoc ermah­n­ten mich, ich solle, ich müsse mich am Tag wach­hal­ten. Kein Nick­erchen. Geh raus, wenn die Müdigkeit auf­steigt.

Jupp, wenn es so ein­fach wäre. Kaput­ter Antrieb und zer­mür­bende, schwere Trau­rigkeit, die ich abwälzen, able­gen will.

Geht nicht.

Doch der Schlaf um 11 Uhr drückt diese Trau­rigkeit am Tag bei­seite. So schaffe ich den, diesen Tag. Ich über­lebe ihn, lasse die Welt mit lebens­bedrohlichen Ideen in den Schlaf versinken, am Tag.

Am Abend siegt dann die Wach­heit, der Schlaf­druck fehlt, ich finde Unruhe, obwohl das Licht seit über ein­er Stunde aus ist und seit zwei Stun­den kein Blick auf das Smart­phone mehr war. Oder dem Tablet. Kein Video, kein Film, was mich wach­pusht.

Die Fach­welt meint, viele Men­schen mit Depres­sio­nen haben einen gestörten Schlaf. Oder gestörter Schlaf kann zu Depres­sion führen, das hor­monelle Gle­ichgewicht wird umge­wor­fen.

Kann sein, soll so sein. Okay.

Klar ist, je mehr der Schlaf sich über meinen Tag legt, legt die Nacht die Wach­heit über mich. Sie reichert sich an mit Grü­beln, Äng­ste for­men sich durch Über­mü­dung zur Last. Sie block­ieren selb­st das Ein­schlafen. Äng­ste, wodurch kle­in­ste Auf­gaben mor­gens mich über­fordern. Sie bezeu­gen, erzeu­gen die Ohn­macht, nichts zu schaf­fen.

Der let­zte Antrieb mor­gens wird abgeschlif­f­en. Ich bleibe liegen, ich komme nicht hoch, alles ist ver­dammt schw­er. Son­nen­strahlen stechen sich durch den Staub­nebel im Zim­mer. Meine Augen fall­en zu, der Kaf­fee blieb ohne Wirkung. Nein, er wirk­te, steigerte die Unruh, die Müdigkeit, die endlich die Augen schließen will.

Ich schlafe ein.

Ich schlafe am Tag. Es bleibt von Tag zu Tag, wochen­lang das gle­iche Spiel.

Nachts jagen mich weniger die Gedanken, son­dern es ist mehr die Angst vor Alp­träu­men. In der Nacht wech­se­le ich mit leer­er Trau­rigkeit, die ich ver­suche, nicht zu bew­erten. Nicht ich bin die Trau­rigkeit. Sie ist ein­fach da. Doch dann erscheint Angst vor neuen Alp­träu­men, wenn ich wieder ein­schlafe. Ich zucke, wache wieder auf. Ich falle doch in den Schlaf. Kurze Zeit später wache ich auf aus einem Traum. Mein Kör­p­er ist erschöpft, als hätte ich schw­er gear­beit­et.

Trau­mar­beit nan­nte ich es, einen See­len­doc. Sein Blick ver­ri­et, er wusste mein Wort nicht zu greifen. Trau­mar­beit und ich ver­suchte es für ihn zu greifen, mit meinen Worten:

Ich jage nachts von einem Alp­traum in den näch­sten, wie eine Wan­derung in den Alpen, mit schw­erem Gepäck, über schmale Pfade, wo jed­erzeit die Füße abrutschen kön­nen. Ich rutsche ab, stolpere, falle auf den Schot­ter. Ich falle in eine neblige Tiefe, rutsche schneller und schneller den Berg hin­unter bis vor einen Abhang. Ein alter Baum hält mich vor dem Absturz.

Trau­mar­beit. Angstar­beit.

Den Schlaf gilt es zu drehen, vom Tag in die Nacht. Ein­schlafen und Durch­schlafen.

Auto­genes Train­ing, Body Scan und Med­i­ta­tion, um in die Ruhe zu fall­en. Die kaputte Konzen­tra­tion ver­bi­etet, ver­baut es mir. Zu wenig Schlaf, je schlechter wird diese Konzen­tra­tion.

Nach Wochen gelingt es mir durch Chemie, also Medika­mente. Dann ver­liert sich endlich die Über­forderung, den Tag nicht zu schaf­fen. Der fehlende Antrieb füllt sich mit Energie, wenn auch wenig. Die Trau­rigkeit, die neblig-dun­kle Sicht aufs Leben bleibt.

Doch bildet sich wieder Kraft für andere Men­schen, für soziale Kon­tak­te.

Schaffe ich eine Woche, zwei Wochen mit diesem chemis­chen Schlaf­förder­er, ver­liert sich die Müdigkeit, die Erschöp­fung am Tag.

Ja, ich bin wach und warte dann auf die Konzen­tra­tion, auf die Lösungs­formel gegen die Schw­er­mut, die tiefe, trau­rige Stim­mung.

Es gibt keine schnelle Lösungs­formel wie einen Schal­ter. On/Off. Ich weiß, ich muss, ich will es akzep­tieren, die Depres­sion, sie trägt, sie trig­gert den Schlaf. Sie ernährt sich von sein­er Störung.

Doch ist der Schlaf nachts wieder im Gelin­gen, kann die Ohn­macht, die Angst nicht durch seinen Man­gel gefüt­tert wer­den.

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