Matte bricht ein
Story by Charlott // MaxSophie
Die Tür hinter ihm knallte zu, als er die ersten Stufen der Treppe heruntergegangen war.
„Nur raus, raus aus diesem Elend, weg aus ihren vier Wänden.“, zuckten einzelne Gedanken durch ihn.
Tränen drängten sich an seine Augenlider. Er schluckte schwer, damit sie sich nicht durchbrechen, nach außen dringen.
„Charlott, sie schrie ihn an“, ging er die Szene von vorhin im Kopf durch, „sie würde Werner, ihren Ehemann, verlassen, ja, würde sie. Doch er, Matte, müsse sich entscheiden, für oder gegen sie.“ Seine Gedanken brachen plötzlich ab.
Eine Biene flog in der Maiensonne, verirrte sich auf sein helles Hemd, er schlug mit der linken Hand reflexartig zu, und sie stach ihm in die rechte.
„Fuck.“ stöhnte er.
Er schluckte den Schmerz herunter. „Schlimmer als die Zurückweisung, die Sehnsucht nach Charlott, kann es nicht sein“, schoss es gleichzeitig durch den Kopf.
Wieder und wieder brach dieses gedankliche Geschwätz durch, wenn er allein abends im Bett lag.
Der letzte Bus nach Hause war gerade losgefahren. Also blieb ihm nur der Weg über die Wiese zur S‑Bahn.
Er schluckte schwer, schluckte seine Traurigkeit, die Schwere der Beziehung, der Freundschaft zu Charlott, runter. Die Nähe zu ihr bricht, zerbröckelt vor seinen Augen wie Kalkstein in der Hand.
Die Sonne versuchte sich durch die Wolken zu schieben, mal gelang es ihr, mal blieb alles in Grau.
Plötzlich stach es ihn in den Bauch, dort, wo er die Liebe kennt, die Sehnsucht, seine Suche, um Charlott nah zu sein. Der Schmerz durch die Biene verschwand sofort.
„Doch wenn er ja sagt zu Charlott“, glaubte er, „dann trägt er alles mit: ihre Last mit Fritz, ihren schwer erkrankten Bub, ihre Zerrissenheit zu ihrer Mutter. Er trägt dies dann mit.“
Die, seine Tränen, drängten sich erneut gegen Damm um seine Augen. Er wollte nicht weinen, drückte fest die Augen zu und ging nieder ins Gras.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er auf einem umgebogenen Grashalm, wie ein Marienkäfer rechts hochlief. Von links kam ihm ein schwarzer Weichkäfer entgegen. Sie trafen sich für mehrere Sekunden, als würden sie sich kennen, und plauschten miteinander über den Tag.

Charlott und er: Sie trafen sich in der Rehaklinik. Gleiches Alter, gleiche Größe. Sie schaute auf ihr Blatt Papier, ein Stift rollte zwischen ihren Fingern. Matte besuchte dort seine Mutter.
Es war dort im Café, alle Tische waren belegt, bis auf ein Platz, der frei war, bei ihr. Sie schrieb aufs Papier, schaute auf, und nahm seine Bitte an, sich neben ihr setzen zu dürfen. Sie kamen ins Gespräch. Wie, was? Er weiß es nicht mehr.
„Typisch Matte“, hört er sie sagen: „Wir haben die gleiche Größe, ja, doch sind wir unterschiedlich wie zwei Insektengattungen. Nichts anderes.“
Charlott reichte ihm die Hand, doch er kann sie nicht halten. Er sah sie in einen Nebel hinabstürzen.
In seinen Träumen umarmte er sie, fest, sah, wie sie gemeinsam redeten. Ein Gemeinsam. Jedes Mal, wenn er vor ihr stand, zerbröckelte dieses Bild von ihnen. Es ist nur eine Idee, eine Geschichte, die mit seinen Idealen einer Liebe tanzt.

Als er aufstand, sah er eine Hummel, die über die Blüte vom letzten Löwenzahn lief, suchend.
„Ist es nicht zu spät für Löwenzahn?“, überlegte er.
Doch gleich war Charlott, ihr Bild, wieder da, größer, mehr oder weniger anders. Er baute sich über die letzten Monate eine eigene Charlott, im Kopf, die er dann in der realen Charlott suchte. Dann nahm er alles, was sie ihm zeigte, offenbarte, interpretierte es als Liebesbeweis.
„Doch ihre Liebe, sie wackelte ständig“, dachte er.
Die Liebe erlebte er so unsicher, als wären es kleine Schmetterlinge, die sich bei einem kleinsten Wind am Klee nicht halten können. Sie flogen mit dem Wind weg. So wie er glaubte, Charlotts Nähe fortwährend zu verlieren.
„Sie, die Nähe, versteckte sich vor ihm.“, dachte er.
Eine Bühne an Schmerz baute sich in ihm auf, die Sehnsucht nach ihr, dem Ideal von ihr. Er suchte diesen Schmerz, denn er spürte darin seine Lebendigkeit.

Matte erstaunte, dass ein Schmetterling, ein Bläuling, sich vor ihm im Grün setzte, seine Flügel zusammenführte und aneinanderlegte. Der Schmetterling weitete die Flügel wieder aus und dann zueinander, als würde er erzählen: „Deine Lebendigkeit, die aus der Sehnsucht nach Charlott kommt, sie ist nur ein Schmerz aus deiner Kindheit. Es sind nicht Charlott und du.“
Matte atmete tief durch, war verwirrt. „So ein Gedöns.“, dachte er.
Er lächelte: „Es ist falsch, ja, wenn die Idee an Charlott meine Lebendigkeit als Schmerz erlebbar macht. Dies, als wäre ich ohne das Leid innerlich taub, im Nebel.“
Er lief ein paar Schritte durchs Gras, blieb mit der Hose an einem Rosenstrauch hängen. Dort, am roten Stiel zwischen den Dornen, litschte eine weiße Schnecke langsam vorbei.

„Zwischen den Dornen – ein Draufgänger, der sich durch die Gefahren mogelt?, dachte er.
Aber eine innere Stimme flüsterte: „Nein. Anders. Meine Langsamkeit – sie gibt dem Leben Zeit zu wachsen. Dinge entstehen, wie sie entstehen, nicht weil ich sie mir wünsche. Und wenn Gefahr aufzieht, kann ich sie umgehen.”
„Charlott, ja“, dachte Matte, „es ging mit uns zu schnell. Schlagartig war es eng und doch fühlte ich mich unsicher. Habe ich es alles zu schnell gewollt, aufgebaut?“
Plötzlich wurde es still. Das Zwitschern der Vögel, was ohne Pause nebenher rauschte, brach weg.


Eine Schwebefliege, nicht hörbar, setzte sich auf die gelbe Blüte des Hahnenfußes. Sie war zu groß, zu schwer für die Pflanze, und brach ein Blütenblatt ab.
„Ja“, durchjagte ihn ein Gedanke, „vielleicht war es gerade dies, dass ich mich zurückhalte, mich kleiner mache bei Charlott. Ich wollte für sie nicht schwer werden, mich an ihr nicht reiben. Dafür tastete ich mich an ihr Leben mit kleinen Schritten heran, hielt mich zurück, statt ihr zu widersprechen oder mal von mir zu reden. Charlott, sie wirkt so verletzlich, die Last mit Fritz … und doch fügte dies unserer Nähe Risse zu, tief.“

Eine Hummelschwebfliege kommt direkt auf ihn zu geflogen, biegt ab, zu einer Wicke auf der Wiese.
„Merkwürdig“, ploppt es ihm auf, „wie Charlott, wenn sie mir etwas erzählte und ich darauf einging, analysierte ihr Sagen, suchte nach Wegen als Hilfe. Doch plötzlich brach dann Charlott ihr Erzählen ab.“
Die Sonne legte plötzlich ihr Licht auf die Wiese, förderte das leuchtende Grün aus der Wiese hervor. Er erinnerte sich an eine alte Liebe, vor Jahren, sie hielt nur wenige Monate und brach spontan ein.
„Er könne ihr nicht zuhören, er wolle immer gleich Lösungen schaffen“, meinte sie, „doch sie wollte nur gesehen werden, wie es ihr gehe, wie sie erlebte. Einfach so.“
„Ich habe nichts gelernt“, weckte es einen Gedanken in ihm auf, „ich falle wohl immer ins gleiche Spiel zurück.“
Wolken schoben sich erneut über das Farbenspiel der Sonnenstrahlen. Das Grün verlor seine Helligkeit, so wie gerade eine Trauer über die Liebe zu Charlott zog. Seine Beine wurden schwer, womit er sich wieder auf die Wiese setzte. Das zwitschern der Vögel startete wieder.

Eine Mauerbiene vergrub sich gerade vor ihm in der Blüte des Hahnenfußes. Sie sammelte Nektar und trug ihn weg – gerade so, wie er alle Last um Charlott fernhalten wollte. Nur wegtragen.
Doch ein Gedanke durchschlug ihn: „Ein Fehler. Sie teilten den Alltag – Haushalt, Einkauf – mit jedem Wort zeigten sie: Ich sehe dich, ich bin da. Würde dieses Gesehenwerden wegbrechen, wäre es wie die verschwindenden Sonnenstrahlen.”
Sie erzählten sich dies nur um die Beziehung zu halten.
Er lenkte sich ab, seine Gedanken, dass bin ich, doch schob sich ein neuer dazwischen: „Ja, würde dies Gesehenwerden wegbrechen, dann ist es wie die verschwindenden Sonnenstrahlen. Die Farben der Wiese wandeln sich ins Grau. Bleibt das Licht der Sonne, leuchtet sie in die Tiefen, wie wenn die Gespräche ernster, tiefer, näher werden. Genauso, wie die scheinende Sonne durch die Baumdecke eines Waldes.“
Wieder unterbrach er, spürte Angst aufsteigen: „Tiefe macht ihn, es macht Charlott verletzlich. Ja, wenn man mich erkennt, dann wird sie, wird er es als Waffe nutzen gegen mich. Nähe wird zu einem Streit.“
Er atmete schwer, warf sich die Händflächen vors Gesicht.

Ein Widderchen, genauer war es nicht zu erkennen, fliegt von der Pusteblume weg, wie auf einer Flucht, so plötzlich, so schnell.
„Ich fliehe auch“, stach ein Gedanke ihn an, „alles, was sich mit Charlott entwickelt hat, gewachsen ist, breche ich. Ich bin dann mal weg, es schmerzte, stärker noch als die Sehnsucht zu einer Charlott, wie er sie in seinen Träumen malte.“
Sein Gesicht verzog sich, als hätte er an eine Handvoll Sauerampfer abgebissen. Er schüttelte sich, steht auf, geht rüber zum Strauch, es ist ein Roter Hartriegel, worin die Bienen summen, Nektar sammeln.

Eine Biene vergrub sich in einer Blüte, als es plötzlich – brennend – wieder in seiner rechten Hand stach. Seine Augen fielen zu.
Als er aufwachte, lag er auf Charlotts Sofa. Sie saß neben ihm, ihre Augen waren geschwollen.
„Du bist vor unserer Haustür zusammengeklappt“, sagte sie leise. „Hilde kam gerade vorbei — wir haben dich hier hochgetragen.“
„Ich habe nachgedacht“, sagte er leise, vorsichtig: „Es lief mit uns irgendwie … blöd. Können wir uns erneut treffen, irgendwo im Café? Wie bei unseren Kennenlernen.“
Stille brach ins Zimmer. Die Beatmungsmaschine bei Fritz rauschte. Charlott schaute Matte an, lächelte wie ein Kind, das gerade einen Streich ausheckt: „Ja.“
