Mann sitzt in einer Wäscherei.
Mann sitzt in einer Wäscherei.

Depression und die Angst vor dem Aufstieg

„Geht es dir gut? Du lächelst so, als seiest du aus einem Tal entkom­men.“ Fragt sie mich. Ihre Augen sind unruhig, als müssten sie in mir eine Bestä­ti­gung find­en.
Ich kann ihr die Antwort nicht geben. Ohne mein Leid bin ich nackt vor ihr. Dann würde sie mich ein­klei­den: So, wie sie mich sehen will, so, wie ich sein soll. Und ich fürchte, mit meinem Aufricht­en ver­löre ich ihren Halt.

Ich darf antworten, ich darf ihr sagen: „Hey, ja, es geht mir gut.“ Doch sofort wächst Angst: Wenn ich das zugebe, ver­liere ich sie.

Mein Schmerz, meine Unruhe, selb­st meine Worte über Lebens­bedro­hung schaf­fen Nähe. In ihnen werde ich gese­hen.

Es beschämt mich, denn wenn es mir bess­er geht, ver­liere ich ihren Halt, rutsche ich wieder in das staubige, schwarze Tal, reicht sie mir erneut ihre Hände.

Sie schenkt mir dann ein „Ich bin wer“. Ich möchte von ihr gese­hen wer­den.

Doch laufe ich damit in einen neuen Abgrund hinein. Ihr Sehen ist wie eine Krücke – es trägt mich, solange ich mich auf sie stütze. Aber echte Frei­heit ist kein Akt des Stützens. Es ist ein Loslassen. Und ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich loslasse. Es ist kein Frei von, keine Hin­auswach­sen. Ein unau­flös­bares Netz um mich herum.
Die Scham ist Teil des Net­zes. Löst es sich, ver­liere ich nicht nur Schmerz, son­dern auch eine ver­traute Form von Ori­en­tierung.

Ich werde unsich­er, füh­le mich wert­los, meine wach­sende Selb­st­ständigkeit zer­stört ihre Nähe. Sie wird mich von Tag zu Tag weniger anschauen, weniger von ihr.
Bin ich frei von der bleier­nen Trau­rigkeit, fehlt uns plöt­zlich die Sprache, in der wir uns bish­er begeg­net sind. Unsere Beziehung bricht in sich zusam­men.

In der Depres­sion gewinne ich mit dieser Nähe. Ich muss nichts darstellen, um geliebt zu wer­den. Aber dabei ver­schließt sich alles – meine Fähigkeit zu fühlen, meine Freude selb­st ist betäubt. Ein betäubtes Leben als Preis für garantierte Nähe.
Ich weiß, was du sagen wirst. Dass auch ihre Für­sorge bed­ingt ist. Ich schlucke.

Lass mich mit der Real­ität in Ruhe. Wenn ich mich wohlfüh­le und ver­suche, die Außen­welt zu aktivieren, ver­sandet alles. Ich schaffe es nicht mehr. Die Depres­sion hat mir beige­bracht: Deine einzige Sicher­heit ist die Tiefe.

Mein Ver­stand ist mir zum Gefäng­niswärter gewor­den. Er sagt: Du kannst nicht. Und auch wenn ich die Kraft hätte, würde er mich überzeu­gen, dass der Weg versper­rt ist.

Ja, die Stim­mung hellt auf. Der Antrieb ist da. Aber dazwis­chen ste­ht mein Denken wie eine Mauer. Und ich ste­he davor und denke: Lieber hier, wo ich weiß, wer ich bin.

Ja, ich weiß, es läge in meinen Fähigkeit­en, Dinge zu gestal­ten, die mich voran­brin­gen. Doch wenn ich ihre Nähe ver­liere, zieht es mich wieder in die Tiefe.
Ein Teil von mir scheit­ert lieber, als diese Für­sorge zu ver­lieren. Aber noch tiefer: Ein Teil von mir hat Angst vor der Ver­ant­wor­tung, die mit der Gene­sung kommt.

Frau in schwarzem Mantel, grauer Hintergrund
Depres­sion und die Angst vor dem Auf­stieg 3

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