Charlott — Sonntag, der 16. März
Erschöpfung. Schuld. Sehnsucht.
Das sind wohl die drei, die heute am lautesten schreien. Wenn ich ihnen Gesichter geben müsste:
Erschöpfung sitzt auf meiner Brust, fett und schwer, riecht nach kaltem Klinikessen und abgestandenem Rauch. Schuld steht in der Ecke, lehnt lässig an der Wand und grinst, weil sie weiß, dass sie immer gewinnt. Sehnsucht sitzt am Fensterbrett, guckt raus in die Dunkelheit und wartet auf ein Geräusch, das nicht kommt – Fritz’ Atmen, dieses rasselnde, wacklige.
Ich bin müde, so tief, dass selbst Schlaf nichts bringen würde. Erschöpfung ist nicht mehr nur körperlich, sie ist so eine Art neue Haut. Ich merke sie in den Gelenken, im Gedankenfluss, in den Worten, die stecken bleiben. Ich liege hier in diesem Reha-Bett, Matratze aus Plastik, der Geruch von Desinfektionsmittel frisst sich in die Nase. Zwei Pflegekräfte tuscheln auf dem Flur, irgendwer lacht, viel zu hell, als gäbe es hier irgendwas zu lachen. Ich rolle mich zur Wand, so als könnte ich mich da reinbohren, verschwinden, endlich Ruhe. Aber im Kopf läuft eine Endlosschleife: Fritz im Buggy, Fritz an der Beatmung, Fritz im Klinikbett. Fritz ohne mich.
Und dann die Schuld.
Die flüstert: „Du wolltest doch raus. Du hast dir doch gewünscht, dass die Angst aufhört.“
Ja, habe ich. Natürlich. Man hält das irgendwann nicht mehr aus, dieses ständige Sterben-müssen-im-Kopf. Du gehst morgens an sein Bett und prüfst, ob er noch warm ist, ob der Brustkorb wackelt. Jeder Huster eine Panikattacke, jedes Fieber ein möglicher Abschied. Und irgendwo tief drin der Gedanke: Wenn es vorbei wäre, wäre es auch Ruhe. Für ihn. Für mich.
Und sofort kommt die andere Stimme: Was bist du für eine Mutter.
Sehnsucht macht es nicht besser.
Ich sehne mich nach Fritz, nach seinem Gewicht in meinen Armen, nach dem schwerfälligen Rhythmus seines Atemgeräusches, nach dieser absurden Nähe zu einem Kind, das dich nie „Mama“ nennen wird. Ich sehne mich aber auch nach einem Leben ohne Pflegedienst, ohne Pflegeprotokolle, ohne nächtliche Alarmtöne. Nach einem Briefkasten, der nicht nach Krankenkasse, MDK und Ablehnung riecht. Nach einem Tag, an dem ich nicht denke: „Halte durch, Fritz, halte durch“ und gleichzeitig „Ich kann nicht mehr“.
Das ist der Riss in mir:
Ich liebe ihn. Und er zerstört mich.
Ich pflege ihn. Und ich fahre gegen die Wand.
Ich will leben. Und ich will einfach nur still liegen und nichts mehr müssen.
Der Seelendoc würde jetzt irgendwas sagen von Ambivalenz und Akzeptanz und Prozess. Bla, Therapie-Sprache, sauber gefliest wie diese Wände. Für mich fühlt es sich an wie ein Mord in Zeitlupe, an mir, an uns.
Ich tippe diese Zeilen auf der Erika, jeder Schlag ein kleiner Schlag gegen die Ohnmacht. Wenn ich das hier schwarz auf weiß sehe, weiß ich wenigstens: Ich bilde mir das nicht ein. Ich bin nicht „nur müde“. Ich bin zerrissen.
Und irgendwo zwischen Erschöpfung, Schuld und Sehnsucht liegt noch etwas Kleines, Hartnäckiges. Vielleicht so eine Art trotziges „Ich lebe noch“. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, warum.
