Charlott – Montag, der 17. März
Die Müdigkeit hängt an mir wie nasses Leinenzeug. Die Knochen sind schwer, das Hirn ein Watteklumpen, und trotzdem dreht mein Kopf, als wär er ein kleiner Radiomotor, der immer nur dasselbe Lied spielt. Ich liege im Bett dieser Klinik, dem Eiland, und höre den Flur atmen; jede Tür, die aufgeht, ist eine Erinnerung daran, dass ich nicht dort bin, wo ich hingehöre. Fritz liegt an einem anderen Ort – in fremden Händen, unter Schläuchen, mit der Kanüle, die seinen Brustkorb zum Atmen zwingt. Dieses Bild lässt mich nicht schlafen.
Da stößt auf mich der Gedanke: Ich habe mein Leben in zwei Hälften zerrissen – eine für ihn, eine für mich. Die eine Hälfte ist gnadenlos wach, hört jedes Röcheln der Beatmungsgeräte, kennt jede Stelle am Körper, die man absaugen muss; die andere Hälfte ist leer, ein schwarzes Feld ohne Früchte. Die Zerrissenheit zerreibt mich – wenn ich anrufe und die Pflegende mir sagt „Es geht ihm so‑so“, reicht das kurz für ein Aufatmen, aber kaum hab ich aufgelegt, ist die Angst wieder da: Ist das Fieber nur ein Atemzug entfernt, oder macht die Niere plötzlich dicht? Ich will zu ihm, ich will die Wärme seiner Haut spüren, auch wenn sie kalt ist; und genau in dem Moment schäme ich mich für diesen Wunsch, weil ich weiß, dass ich hier sein muss, in dieser Psycho-Reha, um nicht vor Erschöpfung ganz zusammenzubrechen.
Die Schuld sitzt tief. Ich denke an den Crash und daran, wie der Seelendoc sagte, ich hätte mich in die Erschöpfung hineingefahren. Worte wie Messer. Ich sehe noch die Straße, das Licht, und dann dieses Loch in mir, das alles aufsaugte. Hätte ich anders handeln können? Hätte ich mir früher Hilfe holen sollen, mehr Aufgaben an andere abgeben? Unmöglich in diesem Pflegenotstandssystem, und doch ringe ich nach Antworten, finde nur meine Schuldgefühle. Schuld, mein Leben nah an den Suizid gefahren zu haben. Schuld, Fritz nicht gerecht zu werden.
Diese Schuldgefühle sind wie eine zweite Haut, rau und unnachgiebig. Wenn ich dazu an Werner denke, wie er fern auf Montage schuften muss, wie er nicht mit den Kollegen über Fritz sprechen will – dann schiebt sich die Schuld noch weiter, weil ich sehe, wie alles uns beide zerreibt.
Zwischendurch findet sich ein kleiner, verräterischer Funke: beim Schreiben an der Erika, wenn die Tasten klappern und ein Satz fertig ist. Dann fühle ich mich wieder echt, nicht nur eine gestresste Mutter in einem System aus Alarmen, Mitleidsgedöns und Anträgen. Die Worte hier sind die Einzigen, die mir gehören. Ich schreibe von den Pflegediensten, die manchmal zu viel entscheiden und übergriffig werden, von Menschen, die starren, und von meiner Mutter, die immer zu wissen meint, was richtig ist. Ich schreibe, damit die Scham rausgeht, damit die Zerrissenheit ein Gesicht bekommt.
Ich weiß, morgen ist ein neuer Kampf: die Gruppe, der Seelendoc, die Untersuchungen. Und irgendwo dazwischen steht Fritz, ein kleiner Körper, der so viel Trubel braucht, dass ich manchmal denke, es wird zu viel sein. Aber dann erinnere ich mich: Ich bin seine Mutter. Auch wenn ich müde bin; auch wenn die Schuld mich beißt – ich werde ihn nicht alleinlassen im Dunkeln.
