Depression — sie frisst deine Verletzlichkeit
Stimmen aus dem Netz, YouTube & Co. meinen, die Depression sei reaktiv, also eine Reaktion, weil du verletzt worden bist. Nicht einmal, mehrmals, dass es dich wiederholt beschämt hat, kontinuierlich dein Selbstwert vernichtet, mit und ohne Worte.
Ja und Nein. Häufig ist eine Depression eine komplexe Wechselwirkung von Neurobiologie, Psyche und Lebensereignissen.
Nicht nur eine einzelne Reaktion.
Und dann würden einige Leute, so erzählen die Stimmen, mitten in der depressiven Episode träumen von einem neuen Selbst, eines, das cooler ist, das nichts mehr persönlich nimmt, locker auf Kritik oder Beleidigung reagiert.
Eine Illusion? Eine Option auf Heilung?
Also schreibe ich hier aus zwei Perspektiven: was ich über Depressionen allgemein erfuhr, und was ich in meinen schweren Episoden gelernt habe.
Illusion? Ich weiß nur, dies ist toll, wenn du dir in einer depressiven Episode ein Selbst, eines nach der Depression, vorstellen kannst. Die Depression hat dir eine Tür, ein Fenster im Sonnenlicht, offengelassen.
Bei anderen Betroffenen, bei mittelgradigen und schweren Episoden, ist dies eher selten.
Also bei einer „leichten“ Depression ist dies möglich.
Leichte, mittelgradige oder schwere Depression. Dies sind Diagnosen. Dabei kann es den einen oder anderen verwirren, wenn von leichter Depression geredet wird.
Denn eine Episode, egal wie betitelt, ist für jeden, der darunter leidet, eine schwere Phase.
Diese Einteilung dient dazu, das jeweilige Leid besser zu begreifen, einzuordnen und die passendsten Therapieoptionen zu finden.
Es ist eine gute Basis für deine Genesung, wenn die Schwere deiner Episode sich erklärt als eine leichte depressive Episode. Du, ja du, kennst in dieser Phase noch ein Leben mit Wohlsein und erlebst (leichte) Hoffnung, dahin zu gelangen.
Du erlebst mit einer „leichten“ Depression eine Tür, die noch geöffnet, nur angelehnt ist, und bildest damit die Gewissheit: Eine depressive Episode ist nur eine Episode, du kommst wieder raus aus dem schweren Nebel, der mit schwarzem Staub gefüllt ist.
Dein Leben wird sich wieder bunt färben, mit Leichtigkeit, mit Freude. Jede Aufgabe, die sich dir stellt, spornt dich zu einem Weiter im Leben an.
Doch die Tür bei meiner Episode, einer mittelgradigen bis schweren, meine Tür war zu und ist es immer wieder.
Ich versank tiefer, wiederholt, in den schwarzen Staub, ein schwerer Nebel. Er deckte mich zu. Es ist eine Decke, die mich noch immer umhüllt.
Es gibt bei mir keine Idee, keinen kleinsten Lichtstrahl eines Bildes von einem „anderen“ Leben, einem mit Leichtigkeit, mit Wohlsein.
Für mich ist es wie ein Fremdwort, eine Vokabel, die ich nicht übersetzen kann in meine Wirklichkeit.
Stattdessen drückte sich die Lebensbedrohung durch. Sie ist ein einzelnes Symptom bei einer Depression, nicht die Wahrheit: Ein anderes Leben gibt es nicht, nur dieses im schwarzen, schweren Nebel.
Und ich sah daraus keinen Weg hinaus. Ich stehe in einem dunklen Tunnel, der unendlich lang ist. Dabei weiß ich nicht, du weißt es nicht, ob der Tunnel einfach im Berg endet wie in einer tiefen Höhle, wo selbst der Eingang verschüttet wurde.
Es ist ein Leben ohne, wirklich ohne eine Ahnung wie Frohsein, Freude oder Zuversicht. Es gibt nur die schwere Traurigkeit, die wühlenden Gedanken, zu scheitern, in Scham zu ersticken.

Die Chemie im Kopf ist, vermutlich zusammen mit Dingen wie meinen unauflösbaren Belastungen, die mich in diesen Tunnel binden.
So wäre eine Erklärung.
Bei einer schweren oder mittelgradigen Episode können Medikamente mir wieder meinen Antrieb geben. Es kann mir die kaputte Konzentration neu modulieren und ein Hauch von Wohlsein formen.
Doch auch wenn dies passierte, bauten meine Gedanken, meine gedanklichen Bilder keine Idee von einem Selbst, einem Ich auf, wie es wäre, wenn sich die schwere Episode in einem Leben mit Zuversicht wiederfindet.
Heilung von der Depression, gibt es die? Ich würde nicht von Heilung sprechen.
Es ist eine Genesung. Die Depression hat ihre „Aktivität“ verloren. Du hast die Chance, dich von dieser zu erholen, ein Leben frei von den Symptomen zu finden.
Doch sei dir gewiss, es kann einen Rückfall geben. Dies ist wichtig zu verstehen, damit du einen guten Weg findest, nicht wieder in diese Krise zu rutschen. Es benötigt dafür häufig eine Behandlung aus Psychotherapie und eventuell Medikamente. Dies für eine längere Zeit, Monate. Ein Jahr.
Für mich hieß es, mehrfach, um einen Weg zu annehmbarem Sein zu erkennen, zu lernen, dass Gedanken nur Gedanken sind. Genauso sind es die Bilder von einem Sein „nach der Depression“.
Es sind nur Bilder.
Genauso ist es deine Idee, welche Person du nach dieser Krise sein würdest.
Es ist nur eine Idee. Ein zwitschernder Spatz in deinem Kopf, der einfach nur vor sich hin zwitschert. Einfach so.
Ja, diese Idee kann dir eine gute Hoffnung schaffen, wie dein Leben sich formen kann, wenn die Depression sich verliert.
Doch kette dich nicht daran, lass das Leben auf dich zukommen. Denn vielleicht kann gerade dies ein gedankliches Muster sein, das die Depression neu befeuern kann.
Denke daran: Eine Depression ist häufig mehr als nur eine Reaktion, weil dein Umfeld dich schlecht behandelt, weil du verletzt wurdest.
Stimmen meinten, du hörtest sie: Du müsstest deine Verletzlichkeit akzeptieren, dann würdest du aus der Depression herauskommen. Du würdest geheilt werden
Bedenke, dies ist nur eine Idee über Depression, vielleicht sogar eine Illusion. Sicher ist, es würde Depression reduzieren auf ein einziges Muster. Eine Depression, ihre Ursachen, sind mehr als nur ein Muster, ob du deine Verletzlichkeit annimmst. Hinzu kommt, dass es dir die Schuld gibt, wenn du nicht aus der depressiven Krise, der Episode kommst.
Du bleibst nach deren Sagen im schwarzen, dunklen Staub gefangen, weil du nicht akzeptierst, dass du verletzt wurdest. Schwierig, mehr als schwierig, solches Gerede.
Bist du in einer depressiven Episode im Scham gefangen, kann solch Gerede deine Selbstbeschämung fördern, die dunklen Gedanken in dir sagen lassen, dass du selbst verantwortlich bist, dass es dir so leidvoll ergeht.
Diese Reaktionsketten auf solches Gerede sind fatal für deine Genesung. Es wird dich wieder tiefer und tiefer in die Dunkelheit zerreiben.
Befreie dich von diesem Sagen, arbeite stattdessen mit deine:m Psychiater:in oder Psychotherapeut:in daran, wie du von der Depression genesen kannst.
Eine Depression ist multifaktoriell. Sie kann gleichzeitig eine Reaktion auf Verletzung und ein neurobiologisches Phänomen und ein Symptom unbearbeiteter Traumata sein. Das bedeutet: Eine gute Genesung erfordert meist mehrgleisige Behandlung – nicht nur Psychotherapie, nicht nur Medikamente, sondern oft beides UND Unterstützung, um die tieferen Wurzeln zu verstehen, die weit tiefer liegen als nur zu akzeptieren: Du bist verletzlich. Das ist anstrengend. Aber es ist der realistische Weg raus.
Ich wünsche dir viel Kraft dafür.
