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Charlott – Dienstag, der 18. März

Char­lott – Dien­stag, der 18. März

Die Erschöp­fung liegt wie Blei in meinen Knochen. Ich wache auf und denke zuerst an die Maschi­nen, an das Pfeifen, das Absaugen in der Nacht – oder an das, was ich mir ein­bilde, wenn ich hier im weißen Zim­mer liege. In der Reha nen­nen sie es Sta­bil­isierung, Abstand gewin­nen und wieder Sta­bil­isierung. Für mich ist es nur Leere. Leere. Ein Vaku­um, das mich erstick­en will.

Ich sitze an der Eri­ka, klackere Wörter aufs Papi­er, damit sich mein Kopf nicht ganz auflöst. Die Fin­ger sind kalt, die Tas­ten riechen nach altem Zigaret­ten­rauch. Ich will nicht mehr so tun, als ob mir der Abstand zu Fritz gut täte. Ich will zurück. Und das macht mich noch müder, weil die Rück­kehr keine Lösung ist, son­dern nur ein weit­er­er Kampf in ein­er end­losen Rei­he von Kämpfen.

Die Schuld ist ein nagen­der Hund in mein­er Brust. Ich weiß, warum ich hier bin – den Crash ver­dränge ich, aber nicht die Schuld daran. Jede Nacht gieße ich mir die Erin­nerung ein, bis sie bit­ter schmeckt. Ich habe mich selb­st an den Rand mein­er Gren­zen gefahren. Für Fritz. Aus Liebe, aus Panik, aus dem Ver­such, alles zu kon­trol­lieren, habe ich die Bremse nicht gefun­den, nicht getreten, nicht gezo­gen. Manch­mal glaube ich, wenn ich ihn nicht hätte, wäre ich längst weg, raus aus dem Leben.

Und dann schaue ich auf das Papi­er und weiß, dass diese Gedanken ver­rückt sind, ver­boten. Fritz hält mich fest, auch wenn ich es nicht will. Er ist mein Hebel gegen das Ende, mein Gefäng­nis und mein Schutz. Schuld heißt auch: Ich habe Angst, dass ich ihn im Stich lasse, wenn ich zu schwach bin. Dass er ohne mich ist, ist mein schlimm­ster Alb­traum. Es trägt sich, wächst sich zu diesem, einem ständig schlecht­en Gewis­sen, was sich dann gegen mich selb­st wirft.

Und die Liebe – die Liebe ist schw­er wie ein Stein und süß wie altes Brot. Wenn ich an Fritz’ Gesicht denke, ist da diese selt­same Wärme, die sich weigert, ernst genom­men zu wer­den. Er lächelt nicht so, wie es andere Babys tun, aber manch­mal, wenn ich seine Hand halte und ihm über den Kopf stre­iche, dann glaube ich, dass er mich fühlt. Diese Liebe ist nicht sauber, nicht helle Sonne; sie ist ein dun­kles Feuer, das mich ver­bren­nt und wärmt zugle­ich. Ich sehne mich nach seinem Blick, nach einem winzi­gen Zeichen, dass er mich sieht. Das treibt mich an und macht mich wehr­los. Wenn die Ärzte reden, wenn die Pflege­di­enst-Leute ihren Rat geben und sich ein­mis­chen – ich höre nur das Klopfen meines Herzens, das sagt: Kämpfe für ihn. Und so kämpfe ich, bis die Kräfte weg sind.

Heute hat die Schwest­er von der Reha gesagt, ich solle loslassen ler­nen. Loslassen, als ob das ein Knopf wäre, den man umlegt. Ich habe mir vorgenom­men, mor­gen wenig­stens ans Tele­fon zu gehen, und will wis­sen, wie es ihm geht. Ich will nicht wieder in diesem Bett liegen und mir einre­den lassen, dass meine Anwe­sen­heit hier Heilung ist. Vielle­icht stimmt das. Vielle­icht muss ich heilen, damit ich nicht zusam­men­breche, wenn ich wieder bei ihm bin. Aber die Minuten hier sind wie Mess­er. Ich schreibe, weil Schreiben das Einzige ist, das nicht ver­sucht, mich zu repari­eren. Es hält mich am Leben und erin­nert mich daran: Ich liebe diesen Jun­gen. Und das ist alles, was zählt, und zugle­ich alles, was mich fast ver­nichtet.

– Char­lott

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