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Charlott – Dienstag, der 18. März

Char­lott – Dien­stag, der 18. März

Die Erschöp­fung liegt wie Blei in meinen Knochen. Ich wache auf und denke zuerst an die Maschi­nen, an das Pfeifen, das Absaugen in der Nacht – oder an das, was ich mir ein­bilde, wenn ich hier im weißen Zim­mer liege. In der Reha nen­nen sie es Sta­bil­isierung, Abstand gewin­nen und wieder Sta­bil­isierung. Für mich ist es nur Leere. Leere. Ein Vaku­um, das mich erstick­en will.

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Frau in schwarzer Jacke und Pullover.

Charlott – Montag, der 17. März

Die Müdigkeit hängt an mir wie nass­es Leinen­zeug. Die Knochen sind schw­er, das Hirn ein Wat­tek­lumpen, und trotz­dem dreht mein Kopf, als wär er ein klein­er Radiomo­tor, der immer nur das­selbe Lied spielt. Ich liege im Bett dieser Klinik, dem Eiland, und höre den Flur atmen; jede Tür, die aufge­ht, ist eine Erin­nerung daran, dass ich nicht dort bin, wo ich hinge­höre. Fritz liegt an einem anderen Ort – in frem­den Hän­den, unter Schläuchen, mit der Kanüle, die seinen Brustko­rb zum Atmen zwingt. Dieses Bild lässt mich nicht schlafen.

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Mann liest Buch bei Sonnenuntergang.

Depression – Eine Achtsamkeit ertrinkt im Morast

Ich kenne die Sto­rys, die Geschicht­en. Ich las sie, schaute sie im TV, auf YouTube, auf Insta­gram. Mit Acht­samkeit käme ich aus der Depres­sion. 

Acht­samkeit sei der, ein Weg gegen die Depres­sion, der Weg der Heilung von der Depres­sion. 

Ver­giss es, ganz klar, ver­giss es, es sei denn, du bist mit deiner:m Therapeut:in dran, dich dem The­ma zu näh­ern. 

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster. @KI

Charlott — Sonntag, der 16. März

Erschöp­fung. Schuld. Sehn­sucht.

Das sind wohl die drei, die heute am lautesten schreien. Wenn ich ihnen Gesichter geben müsste:
Erschöp­fung sitzt auf mein­er Brust, fett und schw­er, riecht nach kaltem Klinikessen und abge­s­tanden­em Rauch. Schuld ste­ht in der Ecke, lehnt läs­sig an der Wand und grinst, weil sie weiß, dass sie immer gewin­nt. Sehn­sucht sitzt am Fen­ster­brett, guckt raus in die Dunkel­heit und wartet auf ein Geräusch, das nicht kommt – Fritz’ Atmen, dieses ras­sel­nde, wack­lige.

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drei Bilder, in der Mitte ein Mann, am Rande eines Sees.

Depression, die deine Tränen im Stausee verliert

Nichts da, es geht mir gut. Ich läch­le und doch, der Psy­chodoc gegenüber, er zweifelt. Er will keine Zahlen von eins bis zehn. Zehn wäre das Opti­mum, lei­d­frei von zer­drück­enden Gefühlen, von der Leere, ohne Energie zu sein, frei vom Weinen ohne Trä­nen.

Es ist kein Weinen, wie es ein jed­er lebt, erlebt in Trau­rigkeit, eines, wenn die Lieb­ste oder der Lieb­ste einen ver­lässt, ein Weinen, wenn die Bedürfnisse von der Part­ner­in unge­se­hen bleiben, wieder­holt und wieder­holt, was schmerzt.

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Mann arbeitet am Laptop, Schatteneffekt.

Depression – den fehlenden Antrieb nutzen

Wenn ich nicht mehr schreibe, nicht mehr schreiben kann, dann siegt die Depres­sion über mich. What the fuck, ich rede über die Depres­sion, als sei sie ein Fremd­kör­p­er.

Ich dachte, so hörte ich einen Coach-Guru, die Depres­sion sei mit mir und man kön­nte den fehlen­den Antrieb nutzen. Den fehlen­den Antrieb nutzen, so war let­ztens ein Titel auf Youtube, doch ich ließ das Video unge­spielt. So kann nur ein­er reden, der noch nie in dieser Gren­z­er­fahrung war, der noch nie gefan­gen war in einem Absturz, ein­er Trauer ohne Trau­rigkeit, in ein­er Tiefe, die einen zer­drückt.

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Frau sitzt nachdenklich am Fenster.

Charlott — Freitag, der 14. März

Der Psy­chodoc hat heute wieder das ver­traute Muster durchge­zo­gen: Er hat mir das Wort „Gefühl“ in die Hände gedrückt, als würde er damit einen Schlüs­sel zu ein­er Tür anbi­eten, die ich seit Monat­en ver­schlossen halte. Er kreiste um das The­ma Fritz – den kleinen, tra­cheotomierten Geist, der still in der Klinik liegt, dessen Atemzüge wie das Tick­en ein­er Uhr sind, die nie aufhört zu mah­nen.

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Einsamkeit in einem dunklen Raum.

Charlott, Mittwoch — 12. März

// aus dem Notizbuch von Charlott

Fritz ist heute im Roll­stuhl von der Klinik zurück­gekehrt, der Atemgeruch von Chemie und Medika­menten liegt noch in der Luft. Sein klein­er Kopf liegt in der Nähe mein­er Stirn, und ich spüre, wie die Kälte der Pflege­in­fra­struk­tur sog­ar in mein Herz ein­dringt. Ein leis­er Atemzug des Beat­mungs­gerätes hebt seinen Brustko­rb und erin­nert mich daran, wie leicht alles zer­fall­en kön­nte.

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Junge Frau sitzt auf dem Boden.

Charlott, Mittwoch — 10. Juni

Zu Hause. Ich saß auf dem Boden, den Rück­en gegen die Spüle gelehnt, und zählte die Kacheln zwis­chen meinen Füßen. Sieben. Immer sieben. Als ob das eine Antwort wäre. Als ob Zahlen mich ret­ten kön­nten. Die Kaf­fee­tasse neben mir ist kalt, der Kaf­fee darin schwarz wie die Nacht, in der ich nicht schlafen kon­nte. Wieder nicht. Ich sollte aufräu­men. Ich sollte Fritz’ Medika­mente sortieren. Ich sollte Wern­er anrufen und vorgeben, als wäre ich nicht nur ein Hohlraum, der seine Stimme ver­schluckt. Aber stattdessen star­rte ich auf das Handy in mein­er Hand. Eine Nachricht. Von ihr.

„Char­lott, ich brauche dich. Heute. Bitte.“

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Frau sitzt traurig auf Treppe.

Charlott, Dienstag — 9. Juni

Ich liege wach, die Decke riecht noch nach Desin­fek­tion und abge­s­tanden­em Tee. Durch die Lamelle fällt ein schar­fes Band Neon­licht, das den Staub in der Luft wie kleine Knochen glitzern lässt. Mein Herz macht kleine, panis­che Geräusche, als hätte es sel­ber einen mech­a­nis­chen Schrittmach­er nötig. Die Frage fällt in mich wie kaltes Wass­er: Hätte ich von mir aus die Ehe erfun­den? Die Worte schmeck­en met­allisch, als hätte ich sie an einem Instru­ment abgeschlif­f­en.

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