Traurige, erschöpfte Person in einem Raum.

Charlott — Samstag, der 6. Juni

Die Tür zur Reha‑Station schließt sich hin­ter mir mit einem dumpfen Geklack. Es bricht mich in die Gedanken an Fritz: Ein Schlag‑Herz‑Monitor gibt den Takt für Fritz’ Mono‑Atmung an – ein Met­al­lk­lang, der mir das Bild von ein­er kleinen, leblosen Mas­chine in den Kopf drückt. In diesem Moment bre­it­et sich Angst wie kaltes Wass­er über meine Brust aus.

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Frau hält ein Kind und Buch.

Charlott — Donnerstag, 5. Juni

Heute ist ein­er dieser Tage, an denen das Geräusch der alarm­sicheren Tür­glocke im Flur mehr wie ein Tak­t­stock wirkt, der meine innere Sym­phonie dirigiert – eine Sym­phonie aus Wut, Verzwei­flung und ein­er flüchti­gen, fast schmerzhaften Hoff­nung. Der Pflege­di­enst. Die Ärzte. Sie schla­gen mir die Ther­a­piepläne ins Gesicht, als kön­nten sie damit das Unauswe­ich­liche kor­rigieren. Ich sehe, wie die Pflegekraft S. die Tropf‑Infusionen prüft, während ich im Kopf das Bild von Fritz sehe, wie er in seinem Bug­gy liegt, die Augen halb geschlossen, der kleine Kör­p­er von einem Beat­mungs­gerät erstickt. Der Gedanke, dass ich ihn hier nicht berühre, lässt meine Hände zit­tern – nicht aus Angst, son­dern aus ein­er sen­gen­den Wut, die mich bis in die Knochen treibt. 

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Charlott 2 (u)

Ich hätte es ja nie geglaubt. Sie hat­te aber immer davon gere­det. Werde bloß nicht alt, hat­te sie immer gesagt, wenn man sie getrof­fen hat­te. Werde bloß nicht alt und hat­te dann vom Ster­ben gere­det. Sie hätte sich einen guten Mix von ihren Tablet­ten gemacht, hieß es, runter geschluckt mit einem ein­fachen Fusel aus dem Super­markt, und das war es. Aufge­fall­en war es schon, dass sie weg war, man dachte, sie sei in der Klinik, aber dann stand plöt­zlich ein junger Mann mit der Polizei vor der Tür.

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a woman looking out a window

Charlott 2 (t)

Kaum war sie das erste Mal bei uns, die Früh­förderin, da stellte ich mir gle­ich die Frage, ob es keine Alter­na­tive gäbe. Ich mochte sie nicht. Es war nicht nur ihr Geruch, säuer­lich, überdeckt von einem süßen Par­füm. Doch das Saure stach hin­durch, zu einem mod­ri­gen Mix wie ein feuchter Keller, in dem eine Ladung Milch vergessen wurde. Vielle­icht klingt das hart, aber kurz nach­dem sie weg war, riss ich alle Fen­ster auf, deck­te Fritz zu und lüftete eine knappe halbe Stunde.

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Charlott 2 (s)

Vis­ite. Wenn dann die Ärzte so über Fritz hin­weg schauen, da stellte sich mir oft die Frage: Was denken die? Worüber wird hier eigentlich ver­han­delt? Häu­fig war es mir gar nicht klar. Sicher­lich, wenn da so ein klein­er Junge liegt, fiebernd, angek­lemmt an an ein­er sur­ren­den Mas­chine. Mir treibt es zumin­d­est jeden Mor­gen erst­mal die Trä­nen in die Augen. Nichts von Gewöh­nung, denkste. Meine Mut­ter meinte es zumin­d­est, es gin­ge, als sie mich in der Klinik abgeben musste. Ich hat­te mein Bein gebrochen. Zu Hause bleiben, das war aus­geschlossen für sie, das gab es nicht. Und wie ich da im Bett gele­gen haben soll, jam­mernd, wim­mernd. Am Anfang biss sie sich auf die Lip­pen. Sie hat­te ein­fach Angst vor mir in Trä­nen zu ste­hen und zu sagen: “Kind, du tust mir so leid. Ich kann dir ein­fach nicht helfen.” “Ja,” sagte sie, “so war es an den ersten Tagen. Nach ein­er Woche, da…” Wie? Es Sie musste kein Mitleid mehr auf­brin­gen. Es ging mir bess­er, sicher­lich, wie son­st hät­ten die mich nach noch ein­er weit­eren Woche ent­lassen. Ich hat­te wed­er einen Schnorchel im Mund steck­en, noch fieberte ich. Ich war nur ein klein­er chirur­gis­ch­er Patient, ein Kind was nicht laufen kon­nte, was Schmerzen hat­te zum einen, aber auch alleine im Kranken­haus war. Kein Kind, wo der Tod mit am Bett sitzt und die Gespräche ansummt, wie auch die Trau­rigkeit.

Charlott 2 ®

Wie sie sich fühlen sollen, wenn ihrem Kind eine Ther­a­pie abgelehnt wird. Ich füh­le gar nichts, ehrlich. Man wird Stumpf, ganz klar. Der Ärg­er, ab einen Punkt lohnt es nicht mehr. Man fragt auch nicht mehr, was der ganze Wahnsinn soll. Ein Typ in der Straßen­bahn vor Jahren, der hat­te was von Kaiser Augus­tus gere­det, als der auf dem Toten­bett lag, soll er gesagt haben: Endlich hat die Komödie ein Ende. Manch­mal wenn es mit der Krankenkasse nur noch schief läuft, die Ärzte zu den Ideen nein sagen oder ein Sach­ber­ar­beit­er mir was erzählen von geht nicht, sie haben keinen Anspruch und das Gesetz, dann stößt dieser Satz nur in mir auf. Die Komödie, ich fragte nie nach, was dies Wort in der Tiefe bedeutet. Ich sah nur manch­mal Hilde vor meinen Augen und dann meine Mut­ter. Alles nur ein Witz. Ich will abhauen. Ob ich Fritz mit­nehmen würde? Sicher­lich, aber ich weiß es nicht, auch nicht wieso. Die Hilde würde meine Flucht nicht ver­ste­hen, sie würde flen­nen, sie würde ein Taschen­tuch brauchen, eins, nein, ein ganzes Lak­en und ich würde daneben sitzen wie ein bürg­er­lich­es Mäd­chen aus dem 18 Jahrhun­dert, die sich in einem Her­rn in den falschen Stand ver­liebt hat, ihn getrof­fen hat und nun wartet, wann er ihr den Heirat­santrag macht. Dabei weiß sie ganz genau, er wird es nicht tun. Er wird es. Eine weinende Fre­undin am Rockzipfel. Das ist die Hilde nicht, nee, da ist meine Mut­ter schon näher dran. Sie ist zwar nicht meine Fre­undin, aber wenn sie es wäre.

Charlott 2 (q)

Let­ztens stand ich vor dem Spiegel und wollte wis­sen, ob man sie zählen kann, die Fal­ten. Sie wer­den mehr, so hat­te es mir die Hilde erk­lärt. “Wie mehr?” fragte ich sie. Sie schaute mich nur an und ich wusste, was sie mir sagen wollte. Doch ich legte meinen Fin­ger auf ihren Mund. Die Wahrheit, die brauch ich nicht, diese. Denn davon habe ich schon genug, dachte ich nur. Ich löste den Fin­ger wieder von Hildes Lip­pen. Ihre Augen waren größer als son­st. Ich will es gar nicht wis­sen, Hilde, ich will nicht, meinte ich. Doch sie schrie: “Was denn? Dass du leb­st wie in ein­er Gefan­gen­schaft, ist es das.” Sie krallte sich ihren Man­tel und ging. Gefan­gen­schaft. Es war mein Zuhause, auch wenn ich mit Fritz nicht raus kam, wenn ich immer an ihn gebun­den bin. Gefan­gen­schaft ist anders. Das ist die Klinik, wenn ich weit weg bin von Fritz, von Wern­er und es in mir drückt, ich müsse fort, ich muss zu ihnen.
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Charlott 2 ℗

An manchen Tagen, wenn es mir mit Fritz zu viel wurde, die Schwest­ern vom Pflege­di­enst auch nur mein Dasein als ihre eigene Ent­las­tung sahen, stieß ich schnell an die Frage, ob ich nun ein­fach gehen oder die Luft anhal­ten solle. Doch diesen Gedanke zer­schnitt ich sofort mit dem “Es geht nicht.”. Ich kochte mir einen Kaf­fee und set­zte mich neben der Schwest­er, egal ob diese Frau was sagt oder nicht, egal, Haupt­sache Fritz war entspan­nt und ruhig. Schnell ver­sucht­en dann die Gedanken Anschluss zu find­en an die Frage, ob ich die Haustür öffne und gehe oder ob es mich nicht mal aus dem Leben, aus dem All­t­ag wer­fen kön­nte, ein­fach so. Read more

Charlott 2 (o)

Fernse­her. Über­all gibt es diese Kisten, selb­st in der Klinik. Doch komme ich ein­fach nicht mehr ins Pro­gramm rein. Entwed­er, ich denke bei jed­er kleinen Serie, es ist mir zu lang­weilig oder ich habe Angst vor ein drama­tis­ches Ende. Die Sto­ry ein­fach als eine erfun­dene Geschichte zu betra­cht­en, daran scheit­ere ich. Es ist für mich zu real, die Gefüh­le, welche im Appa­rat aufge­bauscht wer­den, die sind mehr ein­fach zu heftig. Und Kri­mi, denn kann ich gle­ich vergessen.
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Charlott 2 (g)

Sie brauchen sich gar nicht so darin rein­hän­gen. Es bringt eh nichts, hat­te mir die Frau am Tele­fon gesagt. Beratung nen­nt sich das, Beratung für das behin­derte Kind. Ich glaub, da hätte ich mir die Mühe sparen sollen. Suchst dir die Num­mern zusam­men, ruf­st einen Vere­in an den näch­sten an und willst es wis­sen, ob das wirk­lich mit dem Ausweis richtig ist: Fritz ist nur noch achtzig Prozent schw­er behin­dert, als ich dies las, da machte es nur klack im Kopf, die Frage tickt sich durch den Schädel, der Kom­men­tar: Geht’s noch? Read more