Mann steht in urbaner Umgebung.
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Depression — wenn die Warteliste dich zerstört

Du hängst wochen­lang fest in der Düster­n­is, dem Nebel, wühlst dich langsam daraus. Dein Psy­chodoc, deine Ärztin, hat dir Chemie wie Esc­i­talo­pram oder Ven­lafax­in ver­schrieben, oder du bist sog­ar bei Ket­a­min gelandet.

Deine lebens­bedrohlichen Gedanken waren nahe dran, der Suizidal­ität ein Bild zu geben, eine Idee, wie es läuft, wie du dich aus diesem Sein ver­ab­schieden willst. Ich hoffe nicht.

Du liest den Text, also bist du da. Ich bin dankbar dafür.

Wochen hast du in einem dun­klen Tun­nel ver­bracht, dein Sys­tem hat dir nur ein Gefühl der Trau­rigkeit vorge­gaukelt, real­isiert für dich, die ohne Hoff­nung, ohne Mut ist. Ihre Funk­tion, dich zu läh­men, dafür, wie sinn­los deine Exis­tenz ist.

Licht kommt nach Wochen, mit der Chemie, in dein Sys­tem. Dein Psy­chodoc, deine Ärztin meinen sofort: Hey, die Medika­mente sind die eine Seite der Medaille, sie sind eine Krücke, sie bleiben eine chemis­che Hil­fe.

Bei Ket­a­min geht es deut­lich schneller, wenn du darauf ansprichst. Die Lebens­bedro­hung wird gebrochen, min­destens.

Medika­mente in der Psy­chi­a­trie, wie auch in der Neu­rolo­gie, sie kön­nen ver­sagen. Ein Grund: Wir wis­sen zu wenig, was im Gehirn geschieht.

Der Psy­chodoc: Du musst an deinen gedanklichen Mustern arbeit­en, die dich in Dunkel­heit treiben. Die musst du brechen, ler­nen, sie ziehen zu lassen. Dafür musst du ihre Mech­a­nis­men ver­ste­hen, etwas, und wie du Aus­lös­er und deine Reak­tion darauf erkennst.

Okay.

Du benötigst eine Psy­chother­a­pie. Vorgeschla­gen wird die Ver­hal­tens­ther­a­pie. Ich weiß, der Begriff Ver­hal­tens­ther­a­pie ist sofort stig­ma­tisierend, genau­so wie das Wort Suizid.

Ich sage dir, dies ist jet­zt dein ger­ing­stes Prob­lem. Nehme die Begriffe mit als Arbeit­sti­tel. Wir kön­nen diese Begriffe, wie sie uns abstem­peln, woan­ders besprechen.

Ich weiß, ich kann dir nicht ver­sprechen, wann.

Dein Job wird es jet­zt sein, eine Psy­chother­a­pie zu find­en. Die erste Auswahl soll die Ver­hal­tens­ther­a­pie sein.

Du musst diesen Weg gehen, trotz deines fehlen­den Antriebs, trotz dein­er geminderten Konzen­tra­tion, dich durch Lis­ten zu wühlen.

Du musst diesen Weg gehen, obwohl er deine Ver­sagen­säng­ste befeuern wird.

Denn es ist schwierig, eine:n Psychotherapeut:in zu find­en. Medi­en reden von ein­er Wartezeit über viele Monate.

Ich habe es die Tage durch, einen See­len­doc a.k.a. Psychotherapeut:in zu suchen. Bish­er über fünf direk­te Absagen, zweimal kon­nte ich etwas, ja aus einem unbekan­nten Grund mit einem dün­nen Faden andock­en. Let­ztlich habe ich über 10 oder 12 Prax­en angerufen.

Ich weiß es nicht mehr genau.

Auf eine Warteliste komme ich erst, wenn ich in zwei, drei Monat­en anrufe, so die eine nette Stimme.

Drei andere sagen mir gle­ich: Die Warteliste ist voll, es gibt keinen Weg dor­thin. Diskus­sion: sinn­los. Die See­len­docs wer­den siegen.

maxsophie genAi 05. Maerz 20262
Depres­sion — wenn die Warteliste dich zer­stört 3

Eine Stimme sagte: Ein Platz in der Grup­penther­a­pie, mon­tags, nach­mit­tags, dies wäre möglich. Doch genau dieser Zeit­punkt ist keine Option. Care-Arbeit in der Fam­i­lie. Doch ich bin nicht abgeneigt, sagte ich mit anderen Worten. Auf mein Nein und Warum hat­te die Stimme keine Lust, es klang wohl für sie: Nein, das ist nichts für mich.

Ich denke jet­zt: Pro­jek­tio­nen und kog­ni­tive Verz­er­run­gen wer­den Teil mein­er Ver­hal­tens­ther­a­pie. Sich­er? Sich­er.

Bei zwei anderen sagt mir gle­ich der Anruf­beant­worter: Hey, du, wir sind voll, du hast keine Chance. Ein direk­ter Kon­takt mit dir wird gle­ich ver­mieden. Patien­ten, verzweifelte Klien­ten, davor gilt es, sich zu schützen.

Eine Therapeut:in hat­te mir zumin­d­est die Ahnung auf eine Chance eingeräumt für ein Erst­ge­spräch, wenn ein Patient die Behand­lungsstunde absagt, dann. Vielle­icht klappt es mit der Ther­a­pie in einem Dreiviertel­jahr. „Doch suchen Sie bitte weit­er“, meint sie, bevor die Verbindung still wurde.

Eine Option? Ich wäre froh.

Im näch­sten Tele­fonat sagte mir eine Stimme: Eine Warteliste gibt es, doch ich kann sie nicht aufnehmen. Eine Diskus­sion span­nt sich auf, am Ende soll ich es mit der Ter­min­ver­gabe über die Krankenkasse ver­suchen.

Und tschüss. Die Tele­fon­verbindung wurde abge­brochen.

Mir wird ganz schw­er, die Augen, die Konzen­tra­tion bricht ein. Bilder von dun­klen Tagen, über­wälti­gende Müdigkeit am Tag, durchwachte Nächte. Ein Weit­er­ma­chen bricht auseinan­der, wirft meinen Mut weg, die oder den näch­sten Ther­a­peuten ans Tele­fon zu holen.

Wochen­lang kon­ntest du dich auf nichts konzen­tri­eren. Der Antrieb trieb dich mit hal­ber Kraft in die Dusche. Ich war froh, dass ich dies schaffte. Denn der Tag war ab dann ein Über­leben bis in die Nacht. Die Nacht war ein Über­leben bis zur näch­sten Dusche.

Nach Wochen oder Monat­en entste­hen Licht­blicke. Ein Früh­ling, zart und noch frostig, zaubert Licht­tropfen, helle Momente in deine Dunkel­heit.

Erst dann schaffst du es, dich um eine Psy­chother­a­pie zu küm­mern.

Wie bei mir: Du wirst abgelehnt, keine Ther­a­peutin, kein Ther­a­peut öffnet dir ihre oder seine Türen.

Ich gebe mir Mühe, kämpfe, um es nicht auf mich zu beziehen. Ich kämpfe: Es ist nichts Per­sön­lich­es, keine Ablehnung für mich als Men­sch, keine Mis­sach­tung meines Wertes.

Kämpfe darum, dass dieses Geschehen kein schnell bren­nen­des Öl wird für meine Selb­stzweifel, meine Exis­tenz, nichts zu bedeuten. Kämpfe gegen dies Öl, das die Depres­sion wieder befeuert, kalt, die dann wie ein Kre­ma­to­ri­um die jun­gen Gefüh­le über die Dunkel­heit, die klaren Gedanken zur Zuver­sicht im Sein wieder ver­bren­nt, zu schwarz­er Asche, zu ein­er Trau­rigkeit ohne Leben.

Ich weiß, ein Dage­genkämpfen befeuert selb­st die Depres­sion. Ich kann in dem Moment nicht anders.

Es ist ungerecht, formt sich dir, mir die Idee. Leute, die fit sind mit ihrem psy­chis­chen Leid, kön­nen sich um eine:n Therapeut:in, einen See­len­doc küm­mern. Jeden Tag, mit Geduld.

Doch for­muliert sich diese Idee nicht aus. Die Ideen, die Gedanken, mit denen du erkennst: Ich bin nichts wert, das Leben, es hat keinen Sinn. Ich bin bedeu­tungs­los. Es kurbelt und kurbelt im Kopf die Lebens­bedro­hung an.

Nie­mand kann mir helfen, aus diesem Leben, diesem dun­klen Leben, diese bleierne Unruhe einen Weg zu bauen. Ich werde in Armut unterge­hen, denn arbeit­en ist unmöglich. Dass sich kein See­len­doc find­et, wusste ich vorher. Psy­chother­a­pie hätte mir ohne­hin nicht geholfen.

Hätte sie, dann hätte die vorherige Ther­a­pie was gebracht, dich vor dieser Dunkel­heit beschützt, denkst du mit rezidi­vieren­der Depres­sion.

Doch deine Gedanken sind eine Falle. Ob es ungerecht ist, ob die anderen bess­er oder schneller einen See­len­doc find­en. Es ist nicht erfass­bar.

Psy­chother­a­pie ist kein Wun­der­mit­tel. Sie kann dich sta­bil­isieren, ohne Garantie bei rezidi­vieren­dem Ver­lauf.

Doch die Idee, es ist ungerecht. Ich weiß, ich kann sie dir nicht nehmen.

Doch, ich oder du, ver­suche nicht, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, gegen dieses grausame Sys­tem, das ver­sagt hat. Es ver­härtet mich, dich, füt­tert die Depres­sion.

Manch­mal ist eine Tür geschlossen, obwohl sie offen ist, las ich in ein­er Zen­weisheit. Es helfe, Dinge, die wir nicht ändern kön­nen, zu akzep­tieren, wie sie sind, allen Wut darüber fließen zu lassen, um die Tür dann anders betra­cht­en zu kön­nen.

Ich ließ mir eine App zur Depres­sion ver­schreiben und schaue beim näch­sten wär­menden Tag, ob es eine Selb­sthil­fe­gruppe gibt. Wenn Grup­penther­a­pie eine Option ist, vielle­icht ist dies eine .

Auf ein Coach­ing, darauf verzichte ich. Zu gefährlich, dass diese Berater:innen ihre Gren­zen nicht ken­nen. Eine Depres­sion, der Weg daraus: Depres­sion ist kein Lifestyle, der ein­fach mit einem neuen Mind­set geän­dert wer­den kann.

Sie ist tiefer, sie ist mehr.

— Max­So­phie written.from.human

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