Depression – Keiner, wirklich keiner versteht dich
Schreiend verlässt du die Wohnung. Du warfst mir Wörter, verwebt in Bildern, entgegen. Ich würde dich nicht verstehen.
Ruhe und gut, dass du weg bist.
Du kamst, freundlich, deine Augen leuchteten. Ich war verwundert und bewegte mich aus meiner Müdigkeit heraus, dir einen Kaffee zu kochen, mir eine Tasse davon zu stibitzen.
Zuviel Koffein steigert meine Unruhe, die sich ausspielt, wenn die Müdigkeit, der gebrochene Antrieb irgendwas miteinander wollen und ich wach sein will. Ja, will.
Du meinst, du willst mich verstehen, du könntest es, jetzt.
Wie verstehen? Reicht es dir nicht, wenn ich einfach da bin, wenn ich dein Beisein erfahre.
Ich solle dir erzählen, wie es aktuell mit der Depression so sei und warum ich wieder nicht auf deine Mail geantwortet habe. Es war wichtig, du benötigtest mein Okay. Ein einfaches Okay, ja.
Ich schwieg, mein Rücken schmerzte sofort. Wie? Soll ich mich rechtfertigen? Ich scanne das Zimmer ab nach der Ecke, wo ich mich verstecken kann vor dir, die Augen werden schwer, schmerzend.
Du bist auf die Illusion hereingefallen, du könntest mich verstehen. Du schaust irritiert. Wie, was Illusion?
Ja, wir denken, wir können den anderen verstehen, können nachvollziehen, warum die Person so oder so gehandelt hat. Doch alles bleibt immer eine Interpretation.
Selbst für die Literaten, Schriftsteller:innen ist es eine Challenge, das Erleben ihrer Figuren nachvollziehbar, verständlich zu erzählen. Und ich soll mein Erleben, die Dunkelheit, die ich selbst nicht verstehe, dir ad hoc kurz, knapp beschreiben.
Du kannst nicht wissen, ob ich aus Scham, aus Furcht oder unbewusst Dinge meines Seins ausblende. Ob ich lügen muss, um mich selbst vor mir zu schützen. Dabei gilt: Ich weiß nur teilweise, ob mein Erzählen, meine Vokabeln, meine Definitionen der Dinge dir selbst geläufig sind, wie ich es meine, verstehe.
Mein Sprechen erschafft eine Skizze von dem, was ist, vielleicht baut es das Bild einer „Landkarte“ von mir auf. Doch ist eine Landkarte immer nur ein schematisches Abbild, nie die Wirklichkeit.
Damit kannst du eine Ahnung von mir entwickeln, so wie ich eine Ahnung von dir habe, eine Empfindung zu dir erlebe. Ein buntes Bild. Doch Menschen, das Leben ändert sich zu jedem Zeitpunkt, nach jedem Erleben.
Wenn wir uns das nächste Mal treffen, können wir ein anderer sein, nicht mehr die oder der, die ich war.
Hast du ein Bild von mir gezeichnet, meinst, so sei ich. Dies verwebt sich schnell zu Erwartungen an mich, einem Ideal, wer ich sei. Es schwebt beim neuen Zusammensein mit. Jemanden zu kennen bedeutet gleichsam, diese Erwartungen an die Person zu richten, die Landkarte auf sie oder ihn zu projizieren. Mehr nicht.
Es ist wie beim Kontrollwahn eines Narzissten. Sie oder er ist sich dem Gegenüber stets unsicher, versucht ihn deshalb zu kontrollieren, zu manipulieren, zu isolieren. Narzissten versuchen durch ihre ständige Sucht nach Bestätigung zu erfassen, ob das Gegenüber noch unter Kontrolle ist, ob die Manipulation verschärft werden muss.
Es ist eine Taktik, die nahen Menschen zu verunsichern, sie im Unklaren über sich zu lassen, sie in Furcht zu versetzen. Fürchte ich mich, bei dir „etwas“ falsch zu machen, dann bin ich reduziert, für mich einzustehen, bin im Stress und werde zur Marionette fürs Kontrollspiel.
Deine Augen weiten sich, Tränen füllen die unteren Lider. Du meinst, ich bin doch kein Narzisst.
Ja, soweit ich dich erleben konnte, stimme ich dir zu.
Doch es stresst mich, wenn ich mich erklären muss. Ich finde die Worte nicht, die Gedanken verlieren sich ins Saglose, auf meine Gefühle habe ich keinen Zugriff. Es ist meist eine schwere Mauer um ihnen und meine Furcht, diese Mauer einzureißen.
Aber, aber, wie soll ich dich kennenlernen, erfahren, wer du bist? Schreist du mich fragend an. Du stürmst aus der Wohnung, die Tür schlägt hinter dir zu.
Ruhe.
Schade, doch wünsche ich mir deine Nähe. Bei dir durfte ich immer dasein, wie ich bin, ohne mich zu erklären zu müssen. Du fehlst mir damit.
– MaxSophie written.by.human
