Ein Mann in der Straßenbahn
Ein Mann in der Straßenbahn

Depression ist, wenn die Kränkung den Kontakt bricht

Ich stecke fest, die Gefüh­le sind nur eine schwere, trauernde Masse, die mich zusam­men­drück­en will, mir meinen Antrieb raubt. Es schmerzt. Das Phone blinkt auf, ich solle mich melden, wie es mir so geht.

Hey, echt. Scheiße, what the fuck. 

Kannst du mit mein­er Real­ität umge­hen? Kann ich dir wirk­lich antworten? Ver­stehst du es?

Die Antwort, die sich in mir formt, sagt dazu Nein. 

Let­ztens, als ich dich traf, waren es deine Vorschläge wie: Misch dich mehr unter Leute, dann kommst du auf andere Gedanken. 

Ich brauche deine Ratschläge nicht. Kaum habe ich diesen Satz in mir for­muliert. Wirft sich die Gewis­senswelt dazu, sie drückt mich in eine beißende, kalte Trau­rigkeit, wirft mich auf den Boden. Die schwere Masse in mir verklebt zu Blei, der fließt wie Queck­sil­ber in alles Lebendi­ge, beschw­ert es zur Bewe­gungslosigkeit. 

Du kannst nicht wis­sen, wie sollst du es auch, wie es mir wirk­lich, ja wirk­lich erge­ht. 

Ich kann dir nicht erk­lären, warum ich es nicht schaffe, mich zu melden, warum meine Gedanken sich in Kreisen drehen, um sich selb­st, Angst pro­duzieren, warum ich keine anderen Men­schen aushalte. 

Meine Welt ist mir selb­st ein Rät­sel, unlös­bar. Unlös­bar ist die Dunkel­heit, die Abwe­sen­heit von Licht und Farbe, ein­fach schwarz. 

Ich klei­de mich mit Schwarz. Ich bin die Schwärze meines Seins. Und ehrlich, du willst meinen Kon­takt gar nicht, du würdest und wirst mich nicht aushal­ten. 

Ich schaffe es nicht mal, mich selb­st auszuhal­ten, anzunehmen, diese schwere Masse in mir zu akzep­tieren, die sich als Trau­rigkeit formt, als Abnei­gung, als etwas Zer­reißen­des, was sich in mir frisst, durch­frisst mit einem Schmerz. 

Ich schaffe es nicht mal, meine Gereiztheit zu ver­steck­en, die sich dann schnell in eine Angst ver­wan­delt, die ohne Ziel durch meine Gedanken die restlichen leben­den Gefüh­le streift. Sie will alles übernehmen. 

Erzähl mir jet­zt nicht, ich erlebe eine Angst­störung, glob­al. Es ist nur ein Moment, der sich so trägt, so zeigt als Bild. Ein Moment, der Stun­den, der Tage, der Wochen anhal­ten kann. 

Was willst du von mir? Willst du meine Last erfahren? Abnehmen, damit wird nichts. Ich behalte sie, ich kann es nie­man­dem zumuten.

Ich erzäh­le dir, was meine Last mir manch­mal erzählt, was Frieden von ihr bedeutet: Leichtigkeit und geistige Ruhe, doch bedarf es eines Abschieds, mein­er Abwe­sen­heit aus diesem, ja diesem Leben. 

Doch finde ich keinen Weg, dieses Leben aufzulösen, mich davon abzulösen und ein anderes aufzubauen. Die Gedanken kön­nen dabei ver­let­zend, lebens­bedrohlich wer­den. Sie wollen nicht allein dieses Leben auflösen, sie wollen meinem Leben das Herz entreißen.

Der Psy­chodoc, a. k. a. Psy­chi­ater, würde es Suizidal­ität beze­ich­nen.

Wenn ich dich tre­ffe, strengt es mich an. Kann ich wirk­lich so sein, wie ich bin? Wenn du aus dein­er Welt erzählst, beun­ruhigt es mich. Ich erlebe einen Push, den Druck, deine Welt erre­ichen zu müssen, deine Wirk­lichkeit, und ich fürchte, dich zu kränken. Mein Mit­ge­fühl, meine Empathie ist auseinan­derge­brochen, ich kann nicht in deine Erzäh­lung ein­tauchen. Ich würde es gerne, ja.

Damit werde ich dich kränken, denn du tickst wie die meis­ten. Du würdest dich bei mir als nicht gese­hen und nicht wert­geschätzt erleben. Es ist nor­mal, ich würde es als gesun­den Narziss­mus beschreiben, den wir brauchen, um unser Wohl­sein auf­s­pan­nen zu kön­nen. 

Nur so raubt ein Kon­takt, eine Fre­und­schaft uns keine Energie, son­dern erquickt uns: Wir sind okay, wie wir sind.

Warum ich mir sich­er bin, es kränkt dich? Wir sind trainiert, kle­in­ste, kleine Kränkun­gen, die wir erleben, zu überge­hen, als Nichts abzu­tun. Wir wollen sie in unser Sein nicht inte­gri­eren, den Schmerz, entwertet zu wer­den. 

Unser Geist meis­tert es, doch unsere Psy­che übern­immt diese Kränkung, zieht sich diese Real­ität an, trotz­dem.

Wir ver­ste­hen Kränkun­gen nicht mehr, weil kein­er über ihre Exis­tenz spricht, weil sie kein­er mit Wertschätzung verbindet, die Entwer­tung der gekränk­ten Per­son mit sich bringt.

Die Entwer­tung des anderen min­dert den Lebenswert dessen. Wenn die Men­schen mich nicht schätzen, mich ständig mit ihren Worten verklein­ern zu einem Nichts, entwerten sie mich. 

Ich bin nichts, mein Leben ist nichts. Was bleibt mir?
Doch zurück zur Kränkung, denn ich weiß: Auch kle­in­ste Kränkun­gen sam­meln sich, zuerst zu einem kleinen, dann zu einem großen Netz, das anfängt, sich mehr und mehr aufzus­pan­nen über unsere Gefüh­le und Gedanken. Diese Span­nung schmerzt, die näch­sten Kränkun­gen wer­den dich schmerzen, Aggres­sio­nen for­men sich gegen dich selb­st oder andere. Dies kann ich nicht noch tra­gen.

Meine Depres­sion trägt, schreibt auch hier ihre Biografie darüber. 

Wenn du trotz­dem zu mir kommst, klin­gel dreimal, mach dich aber vorher von all deinen Erwartun­gen frei. Sei ein­fach da, schau, was sich entwick­elt, und genieße es.

Du hast die Idee, mich vorher anzu­rufen, oder schreib­st eine Mit­teilung oder mailst mir. Dies kann schwierig sein für mich. 

Tele­fonieren erfordert Kraft, kann in dem Augen­blick des Klin­gelns mit ein­er Angst verknüpft sein. Kraft­los gehe ich nicht ran. Eine Nachricht „ver­staubt“ schnell auf dem Smart­phone. 

Eine Mail, da wächst der Zäh­ler der unge­le­se­nen, je größer er wird, desto schw­er­er wird es für mich, Mails zu lesen, zu bear­beit­en.

Also komm ein­fach vor­bei.

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