Mann liest Buch bei Sonnenuntergang.

Depression – Eine Achtsamkeit ertrinkt im Morast

Ich kenne die Sto­rys, die Geschicht­en. Ich las sie, schaute sie im TV, auf YouTube, auf Insta­gram. Mit Acht­samkeit käme ich aus der Depres­sion. 

Acht­samkeit sei der, ein Weg gegen die Depres­sion, der Weg der Heilung von der Depres­sion. 

Ver­giss es, ganz klar, ver­giss es, es sei denn, du bist mit deiner:m Therapeut:in dran, dich dem The­ma zu näh­ern. 

Ich war trainiert in der Acht­samkeit, ich war trainiert im auto­ge­nen Train­ing, in der Med­i­ta­tion, und doch schlug sie zu, die Depres­sion. Sie jagte mich in die Dunkel­heit, an die Fel­sklippe, auf das Gelän­der ein­er Brücke. Es war dunkel und in dem Moment war ich acht­sam, acht­sam, die Lebens­bedro­hung ein­er Depres­sion zu erfahren. 

Ich lebe, ja.

In den ver­gan­genen Tagen spürte ich einen Hauch dieser Acht­samkeit, meine Kog­ni­tion schaffte es, wieder ihr näherzukom­men. Gedanken ein­fach Gedanken sein zu lassen.

Meine Konzen­tra­tion, meine Stim­mung erlaubten es, den Atem zu spüren, ihn zählen zu kön­nen von eins bis acht und wieder von eins bis acht. Zehn Minuten lang. 

Meine Stim­mung erlebte eine Öff­nung, das, was kommt, anzunehmen, zu erfahren, ohne es zu bew­erten. Ich erlebte es, ja. Für einen kurzen Moment. 
 
In der Depres­sion, wenn sich alles ver­stellt in die Trau­rigkeit, die Gefüh­le einen zer­drück­en, auf einen drück­en. In der Krise, wenn sich in den Augen ein Druck fest­set­zt, ich müsse weinen. Ich kann nicht weinen, ich bin gefan­gen, die Gedanken drehen sich um die Lebens­bedro­hung, dabei ver­mei­de ich das Wort Suizid. Warum, dies ist ein anderes The­ma, später ein­mal. 

In der Depres­sion bin ich froh, wenn ich es schaffe, die Zer­mür­bung, die Nähe zur Brücke über eine unendliche Tiefe, diese Gedanken zu brechen, zu unter­brechen. 

Es gelingt mir nicht, an Wolken zu denken, die meine Gedanken mit­nehmen. Es gelingt mir nicht, meine Gedanken einem fließen­den Bach zu übergeben. Es fol­gt keine Leere, der Geist tickt weit­er den Weg durch eine Dunkel­heit, eine Schwere, der bleiern­den Erschöp­fung, jedes weit­ere Gefühl drückt mich tiefer in eine Dunkel­heit. 

Dies ist keine Erschöp­fung, wo ich mich hin­le­gen kann, tief einatme, loslassend ausatme und wieder tief einatme. Da fressen sich schon die näch­sten Gedanken, die mein Leben beschw­eren, so weit, dass sie mein Leben bedro­hen wollen, mir erk­lären, ich falle in Armut, meine Exis­tenz endet ohne Obdach auf der Straße. Dir mir erk­lären, nur ein Ver­lassen der Welt …

Tech­niken der Acht­samkeit erzeu­gen ihr Gegen­teil. Sie erzeu­gen keine Klarheit, erzeu­gen keine Leere. Sie set­zen mich an einen Ort, der tausende Kilo­me­ter vom bud­dhis­tis­chen Nir­wana ent­fer­nt ist.

Es ist eine Depres­sion, nichts weit­er. Ich will sie nicht tiefer erleben, ich kann sie nicht tiefer akzep­tieren mit einem Okay: Alles, was passiert, und ich erlebe, es ist okay. 

Ich schaffe es nicht, diese Gedanken zu gestal­ten: Alles, was passiert, ist okay, jedes Geräusch um mich herum ist okay und gehört ein­fach dazu. Noch weniger kann ich solche Gedanken in Bildern annehmen, wirken lassen. Es gelingt nicht. 

Und ich denke jet­zt: Zum Glück. Der restliche gesunde Teil mein­er Psy­che, Seele, schützt mich damit. 

Denn es ist nicht okay, Gedanken abzus­pulen, nicht aufhal­ten zu kön­nen, die meinen Abschied, meine Lebens­müdigkeit in den Suizid ver­wan­deln wollen. 

Nichts daran ist okay. 

In einem klaren Moment, wenn die Stim­mung mich aus der Dunkel­heit zieht, wün­sche ich mir ein Reset, alles auf neuem Start. 

Ich weiß, es ist eine Illu­sion. 

Ja, Acht­samkeit, MBSR oder die tägliche Med­i­ta­tion sind wichtige Tech­niken. Doch sei dir klar: Sie sind begren­zt, wenn die Chemie im Gehirn nicht bere­it ist. Ver­suche ein­mal, im Alko­hol­rausch zu medi­tieren, selb­st bei Cannabis ist es begren­zt, eher eine Illu­sion, vielle­icht mehr eine Hal­luz­i­na­tion.

Med­i­ta­tion benötigt eine Basis, eine Klarheit im Geist, eine starke Konzen­tra­tion, eine Kog­ni­tion, Gedanken ein­fach Gedanken sein lassen zu kön­nen, sie als etwas zu ver­ste­hen, was ich nicht bin.

Ich bin nicht meine Gedanken.

Dieser let­zte Satz gelingt mir nicht. Mir, wenn sich das Grü­beln ein­fach fort­set­zt, mich umringt, sich in mir drückt, Bilder erzeugt mit rot­er Dunkel­heit, Kälte, und ich mir fremd werde. Mein Sein syn­thetisch wirkt, wie elek­trisieren­des Met­all auf der Zunge. Ein Geschmack, der zur Illu­sion­swelt syn­thetis­ch­er Hal­luzino­gene gehören kann.

Ent­frem­dung, sie schützt mich „auf unbekan­nte Weise“ in dieser Krise. Möchte ich mir näherkom­men, trete ich in einen Morast ein, versinke in ihm, stecke fest. Ein Nebel versper­rt mir die Sicht, die Däm­merung schre­it sich in die Dunkel­heit. Da will ich weg von mir. Ich will, ich kann mein­er nicht nah sein.

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