Depression, nicht lösbar allein mit umgestellter Denkweise
Bist du verschreckt, weil ich hier über Depression schreibe, nicht klassisch, ohne Lösungsweg? Vielleicht nähere ich mich dabei der Ursache, meiner. Der Text kommt einfach aus dem Nichts und ich möchte dir nichts erzählen, was wie ein Ratschlag oder wie Tipps wirkt.
Ratschläge erschlagen einen rasant, wirken frei von Empathie, sind häufig ein Stilmittel, dein Erleben auf eine nachvollziehbare Logik zu verkürzen, und geben dir die Schuld, wenn es nicht klappt und du weiterhin scheiterst.
Und Tipps, das ist ein schmales Band, das du in deinen Weg zur Lösung der Probleme hereinmischen kannst. Könnte helfen, und damit erzeugt es Druck, kleiner als der Ratschlag.
Druck füttert meine Depression, reaktiviert jede neue Krise, ist wie eine angezogene Bremse, wenn ich mit dem Auto anfahre.
Antrieb, mein innerer Antrieb kann so weit mit Druck, mit Erwartungen an mich arbeiten, so weit er stabil wirkt, soweit der genügend Energie und Mut erlebt, dass er aktiv wirken kann. Mein Antrieb, der mich bewegt.
Nichts Neues.
Die Depression ist wie ein Text, kurz gesagt, die mich überfällt, die über mir hängt wie eine Nebelglocke über einem Tal zwischen Höhen oder Bergen. Bei mir das Tal um Jena.
Ja, ein Medikament, ein Gespräch mit dem Psychodoc, und die Sonne steigt durch den Nebel, lässt ihn zerfließen, nach oben abdampfen ins Nichts. Doch einzelne Nebelfelder bleiben, mal ist es die Hälfte vom Tal, mal bleibt eine ganze, dünne Decke erhalten, die mir sagt: Steige nicht so schnell aus der Depression auf, die Stimmung, die Gedanken und der Antrieb arbeiten nicht synchron.
Es ist wichtig zu verstehen: Stimmung, Gedanken und Antrieb sind drei Felder, die die Depressionen tragen, auf deren jeweils im Frühling, wenn der Nebel aufsteigt, die Saat aufgeht. Doch verstehe: Auf jedem Feld wachsen drei verschiedene Arten von Pflanzen.
Okay, die Pflanzen Gedanken und Stimmung sind sich sehr nah, doch brauchen sie jeweils einen anderen Nährboden, anderen Dünger. Die Pflanzen vom Antrieb sind zart und wachsen schnell.
Am Ende bedürfen sich diese drei Pflanzen gegenseitig, sie können nicht allein wachsen, stark werden und zur großen Blüte kommen, neue Samen abwerfen, dass über den kahlen Boden zwischen den Pflanzen neue wachsen.
Steigt der Antrieb, fliegen die dunklen, die lebensbedrohlichen Gedanken wie Wolken weg und die Stimmung steigt aus der unlebendigen Traurigkeit, der Gefangenschaft in sich selbst, auf zu einem Neutral im Sein, zu einem: „Ich fühle mich wohl“.
Doch der Antrieb steigt schneller, als die Gedanken ihre Suizidalität, ihre Lebensmüdigkeit und Hoffnungslosigkeit verlieren. Die Stimmung kettet sich an diese Gedanken. Der Antrieb wächst zur Kraft, die Lebensbedrohung der Gedanken zur Ausführung, dem Suizid eine Realität zu schenken.
Manche meinen, vielleicht auch die Lehre und Wissenschaft, Depressionen kommen nicht einfach aus dem „Nichts“. Sie haben einen Auslöser, sie sind damit eine Reaktion.
Ich sage mir: Nein. Doch schenke ich dem ein Ja, ein kleines Ja.
Früher hatten die Mediziner in der Diagnosesammlung ICD Depression auch als eine Erkrankung des Gehirns anerkannt, wie die bipolare Störung. Dann hat man diese Idee aus dem ICD geworfen, aber einige Mediziner halten daran fest.
Ich halte daran fest. Ich habe viele Stunden mit Psychodocs verbracht seit meiner Jugend. Die Depression mal medikamentös oder nur mit therapeutischem Gespräch, mit Reflexion in „Schach“ gehalten.
Andere mit meiner Lebensbelastung, mit einer schweren Kindheit, sind frei von dieser Erkrankung. Belastende Grenzerfahrungen zehren an ihnen, ja, doch rappeln sie sich schnell wieder auf.
Meine Depression hält sich am Leben, sodass ich den Alltag nach ihr ausrichten muss. Ich kann Belastungen herunterfahren, kann ein Gedankentagebuch führen, kann Sport treiben, kann explorativ schreiben.
Die Depression bleibt, verliert an Kraft, aber bedeutend wird es erst dann, wenn ich eine Droge nehme, ein Medikament.
Wäre die Depression allein abhängig von Auslösern, dann bräuchte ich diese nur vermeiden, hätte es gereicht, meine Denkweise umzubauen, meine gedanklichen Muster zu brechen.
Es reicht nicht.
Reflexion gelingt erst dann, wenn Chemie mein Gehirn zu „neuen“ Verknüpfungen bewegt, sichtbar schnell bei Ketamin für mich.
Ich kenne viele Tools, kenne Ratschläge, aber ich kann sie erst umsetzen, wenn mein Gehirn es zulässt, meist, wenn der Antrieb der Aktivität zum Leben Energie schenkt.
Ansonsten wirken Ratschläge sinnlos, als ein weiterer Stich, der die Lebensbedrohung, Suizidalität fördert: „Ich schaffe es nicht, finde keinen Zugang, die Ratschläge umzusetzen, die Tools des Psychodocs. Damit bin ich selbst schuld an meiner Misere. Dann gibt es nur einen Weg aus diesem elendigen Sein zu entkommen …“
Genauso erlebte ich einen Psychodoc, der die Chemie ablehnte, mit der Meinung: „Antidepressiva sind für Leute, die sich nicht reklektieren können oder wollen.“
Es schmeichelt mir, weil ich mich reflektieren kann. Zumindest wird es mir seit der Jugend bescheinigt.
Doch gab es, gibt es, bis heute schwere Krisen, wo die Felder Antrieb, Gedanken und Gefühle verdörren und ein dunkler, schwerer Nebel sich über sie legt.
Es passt nicht, Depression nur als ein exogenes „Ding“ zu beschreiben und eine genetische Verankerung abzulehnen, die auf den Stoffwechsel im Gehirn wirkt.
Es passt nicht zu meiner Karriere mit ihr.
