MasSophie geht am Wasser entlang. @KI
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Depression, nicht lösbar allein mit umgestellter Denkweise

Bist du ver­schreckt, weil ich hier über Depres­sion schreibe, nicht klas­sisch, ohne Lösungsweg? Vielle­icht nähere ich mich dabei der Ursache, mein­er. Der Text kommt ein­fach aus dem Nichts und ich möchte dir nichts erzählen, was wie ein Ratschlag oder wie Tipps wirkt. 

Ratschläge erschla­gen einen ras­ant, wirken frei von Empathie, sind häu­fig ein Stilmit­tel, dein Erleben auf eine nachvol­lziehbare Logik zu verkürzen, und geben dir die Schuld, wenn es nicht klappt und du weit­er­hin scheit­erst. 

Und Tipps, das ist ein schmales Band, das du in deinen Weg zur Lösung der Prob­leme here­in­mis­chen kannst. Kön­nte helfen, und damit erzeugt es Druck, klein­er als der Ratschlag. 

Druck füt­tert meine Depres­sion, reak­tiviert jede neue Krise, ist wie eine ange­zo­gene Bremse, wenn ich mit dem Auto anfahre.

Antrieb, mein inner­er Antrieb kann so weit mit Druck, mit Erwartun­gen an mich arbeit­en, so weit er sta­bil wirkt, soweit der genü­gend Energie und Mut erlebt, dass er aktiv wirken kann. Mein Antrieb, der mich bewegt. 

Nichts Neues. 

Die Depres­sion ist wie ein Text, kurz gesagt, die mich über­fällt, die über mir hängt wie eine Nebel­glocke über einem Tal zwis­chen Höhen oder Bergen. Bei mir das Tal um Jena.
Ja, ein Medika­ment, ein Gespräch mit dem Psy­chodoc, und die Sonne steigt durch den Nebel, lässt ihn zer­fließen, nach oben abdampfen ins Nichts. Doch einzelne Nebelfelder bleiben, mal ist es die Hälfte vom Tal, mal bleibt eine ganze, dünne Decke erhal­ten, die mir sagt: Steige nicht so schnell aus der Depres­sion auf, die Stim­mung, die Gedanken und der Antrieb arbeit­en nicht syn­chron.

Es ist wichtig zu ver­ste­hen: Stim­mung, Gedanken und Antrieb sind drei Felder, die die Depres­sio­nen tra­gen, auf deren jew­eils im Früh­ling, wenn der Nebel auf­steigt, die Saat aufge­ht. Doch ver­ste­he: Auf jedem Feld wach­sen drei ver­schiedene Arten von Pflanzen.
Okay, die Pflanzen Gedanken und Stim­mung sind sich sehr nah, doch brauchen sie jew­eils einen anderen Nährbo­den, anderen Dünger. Die Pflanzen vom Antrieb sind zart und wach­sen schnell. 

Am Ende bedür­fen sich diese drei Pflanzen gegen­seit­ig, sie kön­nen nicht allein wach­sen, stark wer­den und zur großen Blüte kom­men, neue Samen abw­er­fen, dass über den kahlen Boden zwis­chen den Pflanzen neue wach­sen.

Steigt der Antrieb, fliegen die dun­klen, die lebens­bedrohlichen Gedanken wie Wolken weg und die Stim­mung steigt aus der unlebendi­gen Trau­rigkeit, der Gefan­gen­schaft in sich selb­st, auf zu einem Neu­tral im Sein, zu einem: „Ich füh­le mich wohl“. 

Doch der Antrieb steigt schneller, als die Gedanken ihre Suizidal­ität, ihre Lebens­müdigkeit und Hoff­nungslosigkeit ver­lieren. Die Stim­mung ket­tet sich an diese Gedanken. Der Antrieb wächst zur Kraft, die Lebens­bedro­hung der Gedanken zur Aus­führung, dem Suizid eine Real­ität zu schenken. 

Manche meinen, vielle­icht auch die Lehre und Wis­senschaft, Depres­sio­nen kom­men nicht ein­fach aus dem „Nichts“. Sie haben einen Aus­lös­er, sie sind damit eine Reak­tion. 

Ich sage mir: Nein. Doch schenke ich dem ein Ja, ein kleines Ja. 

Früher hat­ten die Medi­zin­er in der Diag­nosesamm­lung ICD Depres­sion auch als eine Erkrankung des Gehirns anerkan­nt, wie die bipo­lare Störung. Dann hat man diese Idee aus dem ICD gewor­fen, aber einige Medi­zin­er hal­ten daran fest. 

Ich halte daran fest. Ich habe viele Stun­den mit Psy­chodocs ver­bracht seit mein­er Jugend. Die Depres­sion mal medika­men­tös oder nur mit ther­a­peutis­chem Gespräch, mit Reflex­ion in „Schach“ gehal­ten. 

Andere mit mein­er Lebens­be­las­tung, mit ein­er schw­eren Kind­heit, sind frei von dieser Erkrankung. Belas­tende Gren­z­er­fahrun­gen zehren an ihnen, ja, doch rap­peln sie sich schnell wieder auf.  

Meine Depres­sion hält sich am Leben, sodass ich den All­t­ag nach ihr aus­richt­en muss. Ich kann Belas­tun­gen herun­ter­fahren, kann ein Gedanken­t­age­buch führen, kann Sport treiben, kann explo­rativ schreiben. 

Die Depres­sion bleibt, ver­liert an Kraft, aber bedeu­tend wird es erst dann, wenn ich eine Droge nehme, ein Medika­ment.

Wäre die Depres­sion allein abhängig von Aus­lösern, dann bräuchte ich diese nur ver­mei­den, hätte es gere­icht, meine Denkweise umzubauen, meine gedanklichen Muster zu brechen. 

Es reicht nicht. 

Reflex­ion gelingt erst dann, wenn Chemie mein Gehirn zu „neuen“ Verknüp­fun­gen bewegt, sicht­bar schnell bei Ket­a­min für mich.

Ich kenne viele Tools, kenne Ratschläge, aber ich kann sie erst umset­zen, wenn mein Gehirn es zulässt, meist, wenn der Antrieb der Aktiv­ität zum Leben Energie schenkt. 

Anson­sten wirken Ratschläge sinn­los, als ein weit­er­er Stich, der die Lebens­bedro­hung, Suizidal­ität fördert: „Ich schaffe es nicht, finde keinen Zugang, die Ratschläge umzuset­zen, die Tools des Psy­chodocs. Damit bin ich selb­st schuld an mein­er Mis­ere. Dann gibt es nur einen Weg aus diesem elendi­gen Sein zu entkom­men …“

Genau­so erlebte ich einen Psy­chodoc, der die Chemie ablehnte, mit der Mei­n­ung: „Anti­de­pres­si­va sind für Leute, die sich nicht rek­lek­tieren kön­nen oder wollen.“

Es schme­ichelt mir, weil ich mich reflek­tieren kann. Zumin­d­est wird es mir seit der Jugend bescheinigt. 
Doch gab es, gibt es, bis heute schwere Krisen, wo die Felder Antrieb, Gedanken und Gefüh­le verdör­ren und ein dun­kler, schw­er­er Nebel sich über sie legt. 

Es passt nicht, Depres­sion nur als ein exo­genes „Ding“ zu beschreiben und eine genetis­che Ver­ankerung abzulehnen, die auf den Stof­fwech­sel im Gehirn wirkt. 

Es passt nicht zu mein­er Kar­riere mit ihr.

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