Mann steht am Fenster bei Sonnenuntergang.
Mann steht am Fenster bei Sonnenuntergang.

Depression zerstört deine Erschöpfung

Wir müssen wegkom­men von dieser Idee, die Depres­sion sei eine Geschichte der Erschöp­fung, das Ner­ven­sys­tem liege brach nach ein­er Über­las­tung, du hättest dir zu viel zuge­mutet. 

Ver­giss dies schnell, ins­beson­dere wenn deine Depres­sion mit­tel­gr­a­dig oder schw­er ist. Denke daran: Depres­sion ist eine Diag­nose, häu­fig auch eine Zweit­di­ag­nose als „Zusatz“ ein­er Haupt­di­ag­nose, denn sie ist ein Sam­mel­beck­en von mehreren Symp­tomen. Mehr nicht. Zählt ein Doc diese zusam­men, dann fol­gt als Summe: Depres­sion, leicht, mit­tel­gr­a­dig oder schw­er. Oder eben nichts.

Depres­sion ist nicht Erschöp­fung, ist nicht Melan­cholie und nicht Nekro­man­tik. Dies alles rel­a­tiviert die Schwere, das Leid der daran Erkrank­ten.

Ja, jet­zt rud­ere ich mit mein­er Mei­n­ung, meinem Wis­sen zurück. Ja, sie, die Depres­sion, wirkt mit der Erschöp­fung zusam­men. Kann. Du pow­erst dich aus in deinem Job, dein­er Freizeit, für deine Fam­i­lie. Du willst alles per­fekt machen und baust dein Leben mit dem Tur­bo „Stress“ auf.

Manch­mal bleibt dir nichts anderes übrig: Dein Kind ist ein Pflege­fall, deine Eltern sind betagt, sie fordern Hil­fe im Haushalt und die Finanzen sind knapp. Ohne Neben­job bleibt die Heizung im Wohnz­im­mer auf 18 Grad, die Dusche kalt.

Dein:e Partner:in und du, ihr ste­ht unter Strom, und wage nie­mand, diesen Strom, den Tur­bo, abzuschal­ten. Denn dann bricht euer erre­ichter Wohl­stand zusam­men. Dein Sys­tem – der Kör­p­er, die Psy­che – wird eines Tages crashen, glaub mir, wenn du nicht deine To-do reduzierst, deine Erwartun­gen an dich, dein Leben lock­erst und dein Schlafde­fiz­it abbaust.

Ein Crash. Das Resultat ist nicht gleich eine Depression. 

Ständi­ger Stress baut dir den Weg zu ver­schieden­sten Krankheit­en auf, sei es der Bluthochdruck, Rück­en­schmerzen oder ein Magengeschwür. Geht es dir anson­sten so weit gut, dann nimm dies als Mark­er: Hier läuft etwas schief, ern­sthaft.

Lange hältst du auch psy­chisch dem Stress stand. Warum nicht? Die Psy­che ist hoch belast­bar, glaub mir, auch wenn viele es anders erzählen. Es ist das Gesamt­sys­tem, dein Leben, das die Psy­che im Stress schützen muss.

Die Psy­che ist hochfunk­tion­al, doch es gibt ein Lim­it, wenn deine gel­ern­ten Strate­gien, deine Erwartun­gen und Wün­sche sich von dir ent­frem­den. Wenn sie sich über deine lebenswirk­lichen Bedürfnisse stellen und deine Erwartun­gen an dich dein Leben gefährden. Dabei bist du dir so weit fremd gewor­den, dass du die Bedürfnisse deines Sys­tems kaum noch wahrn­immst. Gefüh­le, welche ein Mark­er sind für deine Bedürfnisse, sind nur noch ein Schat­ten ihrer selb­st. Sie wer­den von dir abgew­ertet und gepresst in ein Kopfd­ing, was dann schnell über­schrieben wird mit ein­er stärk­eren Emo­tion­al­isierung, wie sie der laufende Feed bei Social Media pro­duziert oder bei Dra­men im Job. Syn­thetis­che Dra­men, um dich von dir abzu­lenken.

Ein Neben­ef­fekt ist, dass andere deine Ent­frem­dung nutzen, um dich zu manip­ulieren, um dir fremde Bedürfnisse als deine vorzu­gaukeln, für ihre Ziele.

Der Crash, der Kollaps kommt.

Dein Crash, dein Absturz wird dich dann wie ein Unfall aus dem Nichts über­fall­en. Dein Kör­p­er will erfahren wer­den von dir: Es geht jet­zt ums Über­leben, dein Leben, nicht mehr ums Wohl­sein. Es bleibt ihm dabei nur: Deine Psy­che „bricht“ mit dir, deinen Erwartun­gen, dein­er Kon­trolle um dein Leben. Deine Psy­che ver­sucht wieder eine Nähe zu dir selb­st aufzubauen. Schmerzhaft.

Die Leute nen­nen es Ner­ven­zusam­men­bruch. Du weinst, zit­terst am Kör­p­er oder hast eine Angstat­tacke. Dein Puls rast spür­bar, der Schweiß erkaltet sofort am ganzen Kör­p­er, du bekommst keine Luft mehr. Leben­sangst.

Alles reagiert außerhalb deiner Kontrolle.

Es ist nicht gle­ich eine Depres­sion. Es ist dein Sys­tem – die Psy­che, dein Kör­p­er – es rebel­liert, zieht eine Art Not­bremse. Denn unser Kör­p­er, unsere alltäglichen Strate­gien, unsere Psy­che sind gebaut, aus­gelegt nur für kurze Stressphasen, kurz: Wenn du um dein Leben rennst, der Säbelzah­ntiger hin­ter dir.

Die Erschöp­fung, die sich dann malt über deine Lebens­freude, sie spült Niedergeschla­gen­heit und eine Angst um die Zukun­ft in deine Time­line. Dein Blick aufs Leben wird pes­simistis­ch­er, logisch. Du hast die Kon­trolle ver­loren, deine Erwartun­gen, deine Lebensstrate­gien sind gebrochen.

Deine Nähe zu dir ist defekt. 

Du kannst nur ahnen, was deine Bedürfnisse, deine wirk­lichen Gefüh­le sind. Deine Angst vor dir selb­st, Scham davor, dir selb­st Rechen­schaft abzule­gen, es ist real. Du erleb­st dabei Lust­losigkeit und die Freude ver­ab­schiedet sich und der Kon­trol­lver­lust, die Plan­losigkeit fürs weit­ere Leben kann weit­ere Äng­ste befeuern: Wenn du jet­zt aus­fällst als Verdiener:in, dann lan­det ihr in der Armut, ihr ver­liert euren Wohl­stand, eure angestrebte Leben­squal­ität.

Dein Blick verengt sich zu einem Tun­nel, in dem du nur noch Angst und Hoff­nungslosigkeit erleb­st. Ja, da kann es lebens­bedrohlich wer­den, es kann die Gedanken an einen Suizid befeuern.

Bist du jet­zt depres­siv? Ja! Hast du eine Depres­sion? Schwierig. Es ist eine schwere Reak­tion auf dein bish­eriges Leben, auf anhal­tenden Stress, auf dem jet­zt dein gesamtes Sys­tem sich aufgegeben hat, kol­la­biert ist. Du hast den Kampf gegen den Säbelzah­ntiger ver­loren, er ste­ht vor dir und ist sich dich, sein­er Beute, sich­er. Deine Psy­che hat diese Klarheit. Du nicht. Punkt.

Die Folge deines Kol­laps­es, dein­er Krise, kann eine Depres­sion sein, sie kann eine schwere Angst­störung sein oder ein­fach dieses Diag­nose-Ding „Burn-out“. Wis­sen wirst du es erst Monate später. Beim Burn-out kannst du dich her­ausar­beit­en mit deinen Ärzt:innen oder Therapeut:innen, gewinnst Lebens­mut und baust dir einen Lebensweg auf mit weniger Stress, mehr Acht­samkeit, einem Plus an Gelassen­heit. Ich wün­sche dir, dass dies klappt. 

Raus aus dem Crash, dem Zusammenbruch, schlägt fehl

Ich weiß, es klappt nicht in jedem Fall, sich da wieder her­auszuar­beit­en. Denn dein Stress war vielle­icht mit die Strate­gie, dir dein Leben, dein Dach über den Kopf zu sich­ern. Die Gefahr, in die Armut abzu­rutschen, ist gegeben, wenn du dann dein Leben „umbauen“ musst und deinen Job aufgeben musst, um gesund zu wer­den.

Nutze die Sozialar­beit in der Klinik und mache eine Reha für eine beru­fliche Wiedere­ingliederung nach der Krise. Damit steigen die Chan­cen, ein annehm­bares Leben wieder aufzubauen. Es ist nicht ein­fach, ja.

Der Lebens­mut, die Hoff­nung oder Zuver­sicht kom­men wieder. Deine Krise kommt dir dann wie ein dun­kler Nebel vor, es war anstren­gend, ja. Es kann auch sein, dass dein Stress vorgeschoben war, eine Strate­gie, weil du vor dir selb­st wegrennst, und der Stress lauter war als eine psy­chis­che Belas­tung, die du mit dir trägst. Ich hoffe, du find­est dann über oder durch die Therapeut:innen einen Weg daraus.

Die Depression braucht diesen Weg „Stress“ nicht

Klar, sie kann eine Reak­tion auf Stress sein. Doch bei der „Aktivierung“ der Depres­sion reicht geringer Input aus, zum Beispiel im Beruf­sleben oder im Pri­vat­en. Ein Input kön­nte sein, wenn du häu­fig abgew­ertet wirst, wieder­holt gekränkt wirst von emo­tion­al wichti­gen Men­schen um dich. Wenn du beschä­mend behan­delt wirst oder in ein­er (neudeutsch) tox­is­chen Beziehung leb­st.

Die Depres­sion kann auch unschein­bar kom­men, du weißt nicht warum. Das Leben wird stetig anstren­gen­der, die Nächte wer­den wach­er, du bist dann am Tag erschöpft und müde. Bei eur­er Leben­s­pla­nung reagierst du ohne Freude und pes­simistisch. Die Men­schen wer­den dir zu viel, deine Inter­essen ver­lieren sich und du bist durchge­hend gereizt, schnell „überkochend“ auf Kom­mentare zu dir. Dabei erleb­st du dich als Last und spürst Unlust, die sich in Antrieb­slosigkeit wan­delt.

Depression und du bist deine Last

Du erleb­st dich tiefer und tiefer als Last für dich selb­st und glaub­st in dieser Logik, auch eine Belas­tung für andere zu sein. Deine Hoff­nungslosigkeit steigert sich, Zuver­sicht hat sich einge­tauscht mit Angst. Deine Gefüh­le sind schw­er, deine Gedanken drehen ihre Runde, alles abzuw­erten, und drehen die näch­ste Runde, zu pauschal­isieren: Es ist alles sinn­los.

Dabei spult sich die Angst hoch, nichts mehr schaf­fen zu kön­nen, deine son­st leere Mail­box läuft über, der Anruf­beant­worter wird zur Samm­lung unbeant­worteter Nachricht­en. Deine Konzen­tra­tion auf ein The­ma hält keine fünf Minuten durch.

Dazu wirst du vergesslich, schaffst es nicht, über­nommene Auf­gaben oder Ter­mine einzuhal­ten, die ein­fach­sten To-dos im Haushalt bleiben liegen, Briefe ungeöffnet und selb­st die Dusche ist schwere Arbeit, wenn du dich „zusam­men­reißt“, es anzuge­hen.

Es ist wie ein Wahn, als du anfängst, dir zu erzählen, dass es alles nichts mehr bringt und es dich tiefer und tiefer schmerzt, anderen zur Last zu fall­en. Dein schlecht­es Gewis­sen wächst zu ein­er Mauer der Scham, weil dein:e Partner:in deine To-dos abar­beit­et und dir von sich aus hil­ft.

An diese Mauer lässt du dich nicht, lässt du keinen ran. Lügen und Beschwich­ti­gun­gen wirken als einzige Lösung, nicht weil es dir Vorteile schafft. Du glaub­st, nur so kannst du den Rest Würde und Anstand dir gegenüber und anderen schützen. Nur so schaffst du ein restlich­es Funk­tion­ieren, um zu zeigen, dass du okay bist.

Depression – die Angst und Scham wächst

Doch die Angst steigt, finanziell abzu­rutschen, weil dies oder jenes nicht erledigt wird. Der Job läuft schlecht, täglich hast du Angst, dass deine Chefin, der Chef kommt deinem Nicht­stun, nichts zu schaf­fen, auf die Schliche. Die Kündi­gung lebt in deinen gedanklichen Bildern.

Die Auf­gaben abzuar­beit­en, es wird schw­er­er, der Antrieb zum Leben, zum Dasein ist defekt. Deine Scham wächst weit­er. Er ver­baut dir den Weg, dir Hil­fe zu holen, andere darum zu bit­ten.

Die anderen, so denkst du, wer­den denken, du planst, sie auszunutzen, sie ver­ste­hen dich nicht, sie kön­nen dir nicht helfen. Dabei kommt dir vieles wie im dun­klen Nebel vor. Die Scham, anderen zur Last zu fall­en, wird noch schw­er­er und du siehst nur noch den Weg … es wird lebens­bedrohlich für dich. 

In der Depression ist Erschöpfung nur eines

Erschöp­fung ist dabei, bei dein­er Depres­sion nur ein Symp­tom, manch­mal sog­ar ein sehr geringes „Ding“. Denn Antrieb­slosigkeit ist nicht gle­ich Erschöp­fung.

Erschöp­fung trägt weit­er Moti­va­tion und Zuver­sicht fürs Leben mit sich, du erleb­st sofort, dass du wieder Kraft schöpf­st durch eine Pause, schon allein durch Ruhe. Dies auch, wenn die Erschöp­fung mal länger anhält.

Abwe­ichend und anders ist es bei Erkrankun­gen, die mit schw­er­er Erschöp­fung ein­herge­hen, oder wenn die Krankheit sich durch Erschöp­fung definiert. Hier liegt eine kör­per­liche Ursache vorder­gründig vor und es ist ein anderes The­ma.

Antrieb­slosigkeit selb­st fühlt sich end­los an, da sie keinen Hauch Hoff­nung auf einen wär­menden Mor­gen in sich trägt. Sie reagiert nicht auf die dritte Tasse Kaf­fee, reagiert nicht auf Pausen. Sie erk­lärt sich dir: Ich bleibe. Ich bleibe.

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