Depression – Erwartungen brechen im dunklen Wald
Ich bin der Depression verhaftet, an manchen Tagen umhüllt sie mich und an anderen ist sie ein fliegender Drache, fernab, der an mir, an einem Brustgeschirr, Brustgurt hängt. Unlösbar.
Was war deine Frage heute? Du hattest geklingelt. Ich öffne die Tür zwischen uns.
Die Depression, ja, diese erlebe ich als eine Geschichte der Erwartungen, zumindest meine.
Verstehe mich dabei nicht falsch: Erwartungen sind per se okay, jeder hat sie, und sie sind für ein „funktionales“ Miteinander wichtig.
Doch damit wächst das Dilemma, meines, was Erwartungen knüpfen, wenn sie uns anhaftet, sie sich mit Ängsten vermischen, Enttäuschungen, Wut. Wobei ich Wut als eine Strategie sehe. Sie ist kein Gefühl, das sich als ein Marker für Bedürfnisse äußert, zeigt.
Jetzt stehst du an der Türschwelle, weißt was von Achtsamkeit und meinst: Hey, Erwartungen, der Umgang damit, kann doch mit Übungen zur Achtsamkeit begegnet werden.
Jupp, wenn du ein grundlegendes Wohlsein hast und keine grübelnden, unlösbaren Gedanken wälzt, wenn dich nicht schwere, tiefe, traurige und schmerzhafte Emotionen in eine Dunkelheit hüllen, diese dich bewegungslos, körperlich wie geistig machen. Dann ja.
Achtsamkeit, dies hatten wir als Thema, erfordert Konzentration und Antrieb. Ich bin frei davon oder belastet vom Lebensschmerz, der meinen Lebensmut zuschnürt, verkleinert und erklärt, ich dürfe mich nur als Last erleben. Für mich. Für andere.
Dies befreit mich von Zuversicht, von Hoffnung. Es sperrt mich ein in Konstrukte, Bilder, die mein Leben bedrohen.
Bitte glaub mir, meine Depression ernährt sich von Erwartungen, die ich an andere erlebe, die ich an mich anlege wie den Lauf eines Gewehrs an die Brust, und die ich mir erdenke, in Bilder male, was andere von mir erwarten.
Dabei ist Depression fies, ja, einfach fies. Sie erlaubt mir nicht, wenn Erwartungen sich nicht erfüllen, mit Gelassenheit zu reagieren. Gelassenheit ist nichts für depressive Typen, so ihre eigene Logik. Warum auch.
Deine Augen ziehen sich zusammen, leeren ihren Glanz. Du bist auch nicht gelassen, wenn du enttäuscht wirst. Deine Hände wandern den Türrahmen entlang.
Echt, wir reden jetzt von Enttäuschung. So weit komme ich gar nicht. Dabei ist Enttäuschung wirklich, ja wirklich, ein Kopfding, auch eine Strategie. Eine, damit wir nicht über unsere Gefühle reden müssen, wenn wir gekränkt wurden.
Ja, wieder dieses Thema Kränkung. Bei der Enttäuschung suche ich eine Schuld, stelle die Schuldfrage, und diese Schuld suche ich beim anderen, in mir, dem Objekt meiner Erwartungen.
Ich rede nur, nur davon, wenn Erwartungen sich nicht erfüllen, wenn Pläne nicht aufgehen. Ich kann keine Strategien wie Wut, wie Enttäuschung aufbauen, meinen Frust in die Welt brüllen.
Unerfüllte Erwartungen, sie machen mich traurig, belasten, sie ängstigen und verunsichern mich. Ich zweifle daran, hier falsch zu sein. Es treibt mir Sorgen hoch, diese verkleben meine Augen. Ich kann die Wirklichkeit nicht mehr sehen, ich will nichts sehen. Alles um mich ist eine anstrengende Masse, die mich erschwert, beschwert, in meine, eine, Betonmauer Traurigkeit drückt, versenkt.
Gelassenheit kann nicht gefunden werden, keinen einzigen dünnen Faden, der zu ihr führt.
Ehe ich die Gelassenheit, einen Hauch von ihr sehe, treffe ich Schuld. Gedanken, Gefühle, die meine Schuld in der Depression begründen. Ich bin schuld, dass ich Erwartungen habe, dass ich Erwartungen an mich nicht erfüllen kann. Ich bin schuld, dass ich Erwartungen habe.
Deine Augen wälzen eine Träne hervor, klein und zart.
Bin ich schuld? Verneine es nicht, ich erlebe ein Ja, egal, wie du es erlebst. Egal, was du fühlst, was du denkst. Nimm mir meine letzte Wirksamkeit auf andere, die ich erleben kann, nicht.
Letztens hatte ich am späten Nachmittag einen Termin beim Psychodoc, der sich bis in den Abend zog. Auf meinem Heimweg wurde es dunkel und ich nahm die Strecke über den Friedhof durch den Wald.
Ich sah nur Silhouetten ohne Kontrast zum Hintergrund, Umrisse der Bäume, Sträucher vom Weg. Alles legt sich vom dunklen Grau ins Schwarz.
Damit ich nicht stolperte, mühte ich mich ab, mich nur auf die zwei, drei Meter vor mir zu konzentrieren. Doch meine Erwartungen spülten sich frei. Ich blickte ständig in die Schwärze, in die Bäume, die sich leicht von einem schwarzen Grau abheben.
Ich erwartete einen Schrecken, dass mich etwas anspringt, Tiere, die mich verletzen, dass das Messer eines Jägers mich streift.
Diese Erwartungen wuchsen, je dunkler, desto schwarzer es wurde. Ich konzentrierte mich jetzt auf den Meter vor mir, sah aber keinen Boden, spürte diesen nur.
Mit dieser Konzentration verlor ich keine Angst, doch mir wurde klar: Nur wenn ich mich auf den Meter vor mir konzentriere, auf ihn meine Erwartungen setze, auf festem Boden trete und keine Stolperfalle treffe, komme ich voran.
Die Last des Weges, die Unsicherheit und die Dunkelheit bleiben. Doch es wurde leichter. Ein tiefes Ein- und Ausatmen bei jedem dritten Schritt löste weitere Schwere.
So ist es in der Depression, ihrer Dunkelheit. Zuerst musste ich wieder und wieder lernen, die Last der dunklen, nebligen Ferne, die Erwartungen, in Ruhe zu lassen, mich auf den einen Meter, mal zwei, drei Meter vor mir zu konzentrieren.
Ich muss lernen, tief und bewusst zu atmen.
Doch bleibt es vorerst. Deine, meine, Wünsche, deine, meine, Erwartungen und deine gelebten Enttäuschungen über mich drücken mich an den inneren Rand eines kalten Vulkans.
Ich versuche jeden neuen Tag, mich auf die ersten drei Meter zu fokussieren. Wenn ich dann in einen tiefen, kalten Vulkan rutsche, verliere ich den Halt. Es schmerzt, ja. Doch wenn ich etwas Zuversicht dabei erlebe, dann drückt es mich nicht in die endlose Tiefe, wo ich keinen Halt finden würde, keinen Weg, wieder nach oben zu kommen.
Nur dann kann ich einen Weg aufbauen, die Beziehung zur Depression zu ändern, ihre Vereinnahmung abzulegen und die Leine vom Brustgurt zu verlängern. Die Distanz zur Depression wird breiter.
Du gehst. Ich schließe die Tür.
—MaxSophie writen.by.humans
