Depression – ein Konflikt mit Hochfunktional, lebensbedrohlich
Jetzt wird wieder die nächste Kuh durch das Dorf Social Media getrieben. Hochfunktionale Depression.
Deine Tage sind durch den Job, die Uni, die Last durch die Familie, und die Sorgearbeit voll. Du stehst durchgehend unter Strom, es bringt dich an die Grenzen deines Systems. Um zu funktionieren, entfremdest du dich von dir, um den Alltag weiter zu bewältigen. Dein Körper reagiert mit Bluthochdruck und unspezifischen Schmerzen und deine Atmung ist nur noch flach.
Und jetzt kommt das Internet, Social Media, und dort erzählen Fachmenschen, ein Arzt, ein Psychologe und zig andere Leute: Du hast eine Depression, eine hochfunktionale Depression.
Klar.
Du denkst: Jo, die Symptome, die sie nennen, das passt perfekt.
- Nach außen hin läuft alles und doch fühlst du dich leer und taub.
- Du fühlst dich wiederholt erschöpft, müde.
- Du bist gereizt, auf alles, was auf dich zukommt.
- Du willst keine sozialen Kontakte mehr, lieber deine Ruhe.
- Dir macht nichts mehr Spaß, Freude.
Ich sage dir, ja, dies passt alles auch auf eine Depression, genauso auf eine starke Erschöpfung oder dieses Burn-out-Ding. Deshalb frage ich: Wenn du ständig über dein Limit gehst, dich auspowerst ohne Ruhephasen, zu wenig Schlaf, Raubbau machst an deinem System, deinem Körper, wie soll dein System sich sonst äußern?
Die Erschöpfung ist eine logische Konsequenz. Dein Körper und die Psyche sind nicht für einen „hohen“ Dauerbetrieb, Dauerstress, ausgelegt.
Ja, eine Erschöpfung kann dir all diese Symptome erzählen. Du liest solche Posts mit deiner erlebten Erschöpfung, fühlst dich darin gesehen, glaubst, es passt, es stimmt. Du hast eine Depression.
Vielleicht ja, vielleicht nein. Abklären kannst und solltest du es mit deiner real existierenden Ärztin, der du gegenüber sitzt.
Doch wenn du vor dem Arzttermin aus dem Stress aussteigst, der deinen Alltag bestimmt, und du dich nach einer Zeit wieder wohler fühlst. Dann lies bitte noch mal diese Symptome.
Denn sei dir klar: Eine Depression besteht unabhängig davon. Sie benötigt keinen anhaltenden Stress als Auslöser, als Ursache.
Es ist sogar ein klassisches, altbekanntes Phänomen bei Menschen mit Depressionen, dass diese sich mit der Erkrankung nach außen mit sozialer Erwünschtheit, mit einem Lächeln und hoher Belastbarkeit zeigen.
Wir sind in einer Leistungsgesellschaft und müssen funktionieren, um unser Leben zu sichern. Unser seelisches Befinden interessiert nur wenige Arbeitgeber. Firmen sind kalte, menschenfeindliche Institutionen, hochfunktional und spezialisiert auf den bestmöglichen Gewinn für ihr Produkt. Die dort arbeitenden Menschen sind Objekte, Werkzeuge, wirtschaftlich betrachtet, um die Produktion durchführen zu können.
Deshalb braucht es keine Bezeichnung „hochfunktionale Depression“. Wir als Menschen sind kein Wirtschaftsunternehmen.
Es ist traurig, weil die Frage gestellt werden muss: Warum gehen Menschen mit Depression diese Belastung ein, nicht nur wegen der finanziellen Lebenssicherung, und „rutschen“ dabei noch tiefer in ihre Erkrankung.
Sie erleben wegen täglicher Stigmatisierung, Diskriminierung und Entwertung mit Lästern über psychisches Leid Ängste. Ja, sie müssen funktionieren, damit sie sich sicher fühlen können im Leben, unangreifbar. Sie wollen nicht ihren Job, ihren Umkreis und Freunde verlieren, wenn bekannt wird: Sie sind „ver-rückt“.
Und unsere Psyche, unser Körper sind dabei Meister, wenn es ums Überleben geht, wäre eine weitere kurze Antwort. Sie, die Psyche, macht ihren Job, egal wie „verstörend“ unser Geist reagiert, arbeitet oder sich zeigt. Das Überlebensprogramm läuft.
Der Suizid, der bei mehreren psychischen Störungen unabhängig von einer Depression auftreten kann, ist eine Entscheidung des Betroffenen. Sie oder er ist in seinem heftigen psychischen Erleben gefangen, die Gedanken sind in einem dunklen Tunnel ohne Licht, ohne Ausweg eingesperrt, und es zeigt sich kein anderer Weg auf ein besseres Erleben, ein Leben ohne dieses unaushaltbare Leid.
Den bezeichne ich als lebensbedrohlichen Zustand, den die Fachwelt Suizidalität benennt. Es ist eine „Stufe“ der Erkrankung, wo die Gedankenwelt, die Emotionalität sich auf einen Suizid „eincrouvt“. Es ist lebensbedrohlich, denn den Betroffenen fehlen die Mittel, die Werkzeuge und die eigenen Fähigkeiten, um die Lebensbedrohung abzuwenden. Auch den Angehörigen. Es ist wie bei Menschen, die aufgrund einer Muskelerkrankung eine maschinelle Beatmung zum Leben benötigen, sonst sterben sie.
Dort redet die Fachwelt von einer lebensbedrohlichen Erkrankung, warum also nicht hier? Damit würde klarer werden, dass es eine Eigenschaft, ein Symptom ist, das zu dieser oder jener psychischen Erkrankung gehört.
Wenn wir das Wort Suizid verwenden, schrecken die Leute, die Angehörigen, zusammen, die Betroffenen erleben eine Angst, wenn sie davon reden, sofort in die „Klapse“ zu kommen.
Menschen reden von „Klapse“, was nochmals die Entwertung klar macht. Psychiatrie, da geht es um „ver-rückt“, nicht um schwere Krankheiten.
Der Begriff Suizid ist schwer stigmatisiert.
Das weitere Problem: Erkrankte vermeiden ein Reden darüber, aus Angst. Aus Bedenken, nicht verstanden zu werden. Vergleiche hier den Selbsterlebnis-Roman „Depression abzugeben“.
Ja, Menschen mit psychischer Erkrankung in dieser Ausprägung „Lebensbedrohung“ benötigen Hilfe, brauchen die Tools, die Werkzeuge von medizinischen Fachleuten, eine ärztliche oder psychologische Krisenintervention, um diese lebensbedrohliche „Gedankenwelt“, den Tunnel, zu sprengen.
Angehörige können über den Begriff „lebensbedrohlich“ die dazugehörigen Symptome besser einordnen als eine Ausprägung der Erkrankung. Nichts weiter ist es. Es kann sie von Schuld befreien, diese zumindest mindern, sie seien eine Ursache für den, hoffentlich missglückten, Suizid.
Wenn Betroffene und Angehörige über eine psychische Erkrankung aufgeklärt werden und es immer mitgenannt wird, Symptome davon erläutert werden, könnten sie es besser einordnen für ihr Wohl: Bei dieser Erkrankung kann es zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen, muss es aber nicht, wo sofort medizinisch interveniert werden muss. Rufen Sie dann sofort die 112.
So meine Gedankenwelt dazu.
Und, bei aller gut gemeinten Aufklärung über Social Media: Sie kann für mehr Verwirrung sorgen, als sie hilft. Vieles ist weitaus komplexer und lässt sich nicht herunterbrechen auf einen Post mit drei oder fünf Stichpunkten. Dies kann das Leid, die Belastung der Betroffenen und deren Angehörigen entwerten, frei nach „Eine Depression ist doch halb so schlimm, so was habe ich schon erlebt und es ging mir schnell wieder gut.“
